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Wenn die Pflege die Ehe verändert

Über die Gedanken, über die kaum jemand spricht

Vielleicht sitzen Sie gerade am Küchentisch.

Es ist spät geworden.

Der Tag war lang.

Zu lang.

Ihr Partner schläft endlich. Oder vielleicht schläft er auch nicht. Vielleicht hören Sie jedes Geräusch aus dem Schlafzimmer. Vielleicht lauschen Sie unbewusst, ob alles in Ordnung ist.

Und während Sie dort sitzen, mit einer Tasse Kaffee oder Tee, die längst kalt geworden ist, stellen Sie sich eine Frage, die Sie niemandem erzählen.

Wann ist unser Leben eigentlich so geworden?

Sie erinnern sich an früher.

An gemeinsame Urlaube.

An lange Gespräche.

An das Lachen.

An die kleinen Streitigkeiten, die heute völlig belanglos erscheinen.

An die Zeit, als Sie Pläne geschmiedet haben.

Als die Zukunft noch etwas war, worauf man sich gefreut hat.

Und plötzlich stellen Sie fest, dass sich heute fast alles um Krankheiten, Medikamente, Arzttermine, Hilfsmittel und Sorgen dreht.

Viele Angehörige erschrecken über diesen Gedanken.

Doch Sie sind damit nicht allein.

Die Liebe ist noch da – und trotzdem ist alles anders

Vielleicht lieben Sie Ihren Mann heute genauso wie vor vierzig Jahren.

Vielleicht lieben Sie Ihre Frau sogar noch mehr.

Denn Sie wissen heute, wie kostbar gemeinsame Zeit ist.

Und trotzdem gibt es Tage, an denen Sie traurig sind.

Nicht weil Sie Ihren Partner weniger lieben.

Sondern weil Sie ihn vermissen.

Das klingt zunächst seltsam.

Wie kann man einen Menschen vermissen, der direkt neben einem sitzt?

Doch viele Angehörige verstehen genau, was damit gemeint ist.

Sie vermissen die Gespräche von früher.

Sie vermissen gemeinsame Entscheidungen.

Sie vermissen den Menschen, mit dem sie die Kinder großgezogen haben.

Sie vermissen den Menschen, mit dem sie gereist sind.

Sie vermissen den Menschen, der früher stark war und auf den man sich verlassen konnte.

Der Mensch ist noch da.

Und gleichzeitig ist vieles nicht mehr so wie früher.

Diese Trauer ist real.

Und sie darf da sein.

Gedanken, für die sich viele Angehörige schämen

Es gibt Gedanken, die Angehörige oft nicht einmal ihren engsten Freunden erzählen.

Gedanken, die sofort Schuldgefühle auslösen.

Vielleicht kennen Sie solche Gedanken.

"Ich kann nicht mehr."

"Ich wünsche mir einen einzigen Tag für mich."

"Ich bin einfach nur müde."

"Manchmal wünsche ich mir unser altes Leben zurück."

Und kaum sind diese Gedanken da, kommt die nächste Stimme:

"Wie kannst du so etwas denken?"

"Du musst dankbar sein."

"Du musst stark sein."

"Du darfst nicht jammern."

Doch warum eigentlich nicht?

Warum sollte ein Mensch nicht erschöpft sein dürfen?

Warum sollte ein Mensch nicht traurig sein dürfen?

Warum sollte ein Mensch nicht an seine Grenzen kommen dürfen?

Pflege verändert das Leben.

Und manchmal verändert sie es vollständig.

Das anzuerkennen ist kein Zeichen von Schwäche.

Es ist Ehrlichkeit.

Die Einsamkeit, über die kaum jemand spricht

Viele Angehörige sind nicht allein.

Und fühlen sich trotzdem einsam.

Freunde ziehen sich zurück.

Gespräche verändern sich.

Einladungen werden seltener.

Die Welt dreht sich weiter.

Während das eigene Leben immer kleiner wird.

Manche Angehörige verlassen das Haus nur noch für Arztbesuche oder Einkäufe.

Andere schlafen seit Jahren nicht mehr durch.

Wieder andere haben vergessen, wann sie das letzte Mal etwas nur für sich selbst getan haben.

Von außen sieht das oft niemand.

Die Nachbarn sehen den gepflegten Vorgarten.

Die Familie sieht die starke Ehefrau.

Die Kinder sehen den tapferen Vater.

Doch niemand sieht die Tränen im Badezimmer.

Niemand sieht die Angst vor der Zukunft.

Niemand sieht die Erschöpfung.

Wenn aus Partnern Pflegende werden

Irgendwann geschieht etwas, das viele Angehörige tief erschüttert.

Die Rollen verändern sich.

Langsam.

Fast unmerklich.

Und plötzlich ist man nicht mehr nur Ehefrau.

Nicht mehr nur Ehemann.

Man wird Pflegeperson.

Man hilft beim Anziehen.

Beim Waschen.

Beim Toilettengang.

Beim Essen.

Beim Aufstehen.

Und irgendwann fragt man sich:

Wo sind wir als Paar geblieben?

Viele Angehörige fühlen sich für diesen Gedanken schuldig.

Dabei ist er völlig verständlich.

Denn niemand heiratet einen Pflegefall.

Man heiratet einen Menschen.

Einen Partner.

Eine große Liebe.

Und wenn Krankheit diesen Menschen verändert, dann verändert sie oft auch die Beziehung.

Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, aufzugeben

Einer der größten Irrtümer lautet:

„Ich muss das alleine schaffen.“

Nein.

Müssen Sie nicht.

Und ehrlich gesagt:

Niemand sollte das müssen.

Ein Mensch kann einen anderen Menschen lieben.

Ein Mensch kann einen anderen Menschen begleiten.

Ein Mensch kann einen anderen Menschen unterstützen.

Aber niemand kann über Jahre hinweg rund um die Uhr stark sein, ohne selbst Schaden zu nehmen.

Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, den Partner im Stich zu lassen.

Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Auch für sich selbst.

Vielleicht müssen Sie gar nicht stark sein

Vielleicht müssen Sie heute gar nicht stark sein.

Vielleicht müssen Sie nicht alles schaffen.

Vielleicht müssen Sie nicht für jeden eine Antwort haben.

Vielleicht dürfen Sie einfach nur müde sein.

Traurig sein.

Verzweifelt sein.

Und trotzdem ein guter Ehepartner bleiben.

Denn gute Ehepartner sind nicht die Menschen, die niemals an ihre Grenzen kommen.

Gute Ehepartner sind die Menschen, die jeden Morgen wieder aufstehen und weitermachen.

Obwohl es schwer ist.

Obwohl sie Angst haben.

Obwohl sie manchmal nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Sie sind nicht allein

Wenn Sie diesen Text lesen und sich darin wiederfinden, dann möchte ich Ihnen etwas sagen:

Sie sind nicht allein.

Mit Ihren Sorgen nicht.

Mit Ihrer Erschöpfung nicht.

Mit Ihrer Trauer nicht.

Mit Ihren Schuldgefühlen nicht.

Und auch nicht mit Ihrer Liebe.

Denn all diese Gefühle gehören zu diesem Weg.

Viele Menschen gehen ihn.

Viele schweigen darüber.

Und genau deshalb glauben so viele Angehörige, sie seien die Einzigen, denen es so geht.

Sind sie nicht.

Sie tun jeden Tag Ihr Bestes.

Und manchmal ist genau das mehr als genug.

Copyright © Elkine-Seniorenbetreuung,

Ihre Elke Hanak