Für viele Angehörige ist es einer der schmerzhaftesten Momente im Verlauf einer Demenz. Man nimmt die Hand – und sie wird weggezogen. Man beugt sich für einen Kuss – und der Blick bleibt leer oder abwehrend. Vielleicht fällt sogar ein Satz wie: „Lass das.“
Gerade in langjährigen Partnerschaften trifft das tief. Denn Berührung war früher selbstverständlich. Ein Zeichen von Vertrautheit. Von Sicherheit. Von Liebe.
Wenn diese Selbstverständlichkeit plötzlich verschwindet, entstehen Zweifel. Erkennt er mich nicht mehr? Bin ich ihm unangenehm geworden? Ist unsere Beziehung verloren?
Die Wahrheit ist oft eine andere.
Demenz verändert nicht nur Erinnerungen. Sie verändert die neurologische Einordnung von Menschen und Situationen. Ein Ehepartner kann innerlich zum „fremden Mann“ werden, eine Ehefrau zur „unbekannten Frau“. Nicht bewusst. Nicht gewollt. Aber neurologisch real.
Wenn dann eine Berührung erfolgt, die früher vertraut war, kann sie sich heute unerwartet übergriffig anfühlen. Nicht, weil die Beziehung nicht mehr zählt, sondern weil die innere Zuordnung fehlt.
Das Gehirn erkennt die Situation nicht mehr korrekt ein – und reagiert mit Abwehr.
Für den Erkrankten ist dieser Moment oft ebenso irritierend wie für den Angehörigen. Es entsteht Unsicherheit. Wer ist diese Person? Warum kommt sie so nah? Was passiert hier?
Das Nervensystem reagiert reflexhaft. Ein Wegziehen der Hand oder ein schroffer Satz sind häufig Schutzreaktionen. Kein bewusstes Zurückweisen der gemeinsamen Geschichte.
Für Angehörige ist es wichtig zu verstehen: Ablehnung bedeutet nicht, dass Gefühle verschwunden sind. Es bedeutet, dass Orientierung fehlt.
Viele Menschen mit Demenz spüren, dass sich etwas verändert. Sie merken ihre Unsicherheit. Sie erleben Kontrollverlust. Diese Erfahrung kann mit Scham verbunden sein.
Körperliche Nähe verstärkt dieses Gefühl manchmal. Wer sich innerlich instabil fühlt, reagiert empfindlicher auf Berührung. Was früher Geborgenheit war, kann plötzlich zu viel sein.
Nähe lässt sich nicht erzwingen. Je mehr Druck entsteht, desto stärker kann die Abwehr werden. Was helfen kann, ist eine bewusste, langsame Annäherung.
Ein ruhiger Blickkontakt. Eine kurze Ankündigung wie: „Ich nehme jetzt deine Hand.“ Ein Moment des Abwartens. Und vor allem die Akzeptanz, wenn ein Nein kommt.
Manchmal verändern sich die Formen von Nähe. Vielleicht ist es nicht mehr die Umarmung. Sondern das gemeinsame Sitzen. Ein leises Gespräch. Ein sanftes Streichen über den Arm, wenn es zugelassen wird.
Beziehung verschwindet nicht abrupt. Sie verändert ihre Ausdrucksform.
Wenn Nähe abgelehnt wird, fühlt es sich oft wie ein Urteil an. Doch es ist kein Urteil über Sie. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich die innere Welt verändert hat.
Diese Veränderung darf traurig machen. Sie ist ein Verlust. Aber sie bedeutet nicht, dass Liebe ausgelöscht wurde. Gefühle können bleiben, auch wenn sie nicht mehr benannt oder gezeigt werden können.
Sie dürfen um diese Veränderung trauern. Und Sie dürfen gleichzeitig neue Wege der Nähe entdecken.
Beides ist menschlich.
Ihre
Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung