Es gibt Gewohnheiten, über die wir im Alltag kaum nachdenken. Morgens in Ruhe den ersten Kaffee trinken. Die Zeitung lesen. Das Fenster öffnen und nach dem Wetter schauen. Zur gewohnten Zeit zu Mittag essen oder am Nachmittag eine kleine Runde spazieren gehen. Solange wir gesund sind, erscheinen uns diese Rituale selbstverständlich.
Mit zunehmendem Alter verändert sich jedoch vieles. Krankheiten, körperliche Einschränkungen oder eine Demenzerkrankung führen häufig dazu, dass vertraute Abläufe nach und nach verloren gehen. Dabei sind es gerade diese kleinen, täglich wiederkehrenden Gewohnheiten, die vielen älteren Menschen Sicherheit, Orientierung und Lebensqualität schenken.
Viele pflegende Angehörige beobachten irgendwann, dass Mutter oder Vater den Überblick über den Tag verliert. Das Frühstück wird vergessen. Mittags wird nichts gegessen oder kurz darauf noch einmal nach einer Mahlzeit gefragt. Der Unterschied zwischen Vormittag und Nachmittag verschwimmt, Termine werden vergessen und manchmal scheint der ganze Tag nur noch aus Warten zu bestehen.
Gerade bei einer Demenzerkrankung geht häufig das Zeitgefühl verloren. Für Betroffene ist das sehr belastend. Was für uns selbstverständlich erscheint, ist für sie oft nicht mehr eindeutig einzuordnen. Welcher Wochentag ist heute? Ist es Morgen oder Abend? Habe ich heute schon gegessen? Muss ich gleich zur Arbeit?
Diese Unsicherheit kann Ängste auslösen. Viele Menschen reagieren darauf mit innerer Unruhe oder ziehen sich immer mehr zurück.
Der Mensch braucht Orientierung. Das gilt in jedem Alter, im höheren Lebensalter jedoch ganz besonders.
Feste Tagesabläufe helfen dabei, den Tag besser einzuordnen. Sie schaffen Verlässlichkeit und vermitteln das beruhigende Gefühl, dass das Leben trotz aller Veränderungen seinen gewohnten Rhythmus behält.
Dabei müssen es keine außergewöhnlichen Beschäftigungen sein.
Oft reichen schon kleine Rituale.
Gemeinsam frühstücken.
Zur gleichen Zeit zu Mittag essen.
Ein kurzer Spaziergang.
Ein Lieblingslied hören.
Die Blumen gießen.
Den Tisch decken.
Am Nachmittag gemeinsam Kaffee trinken.
Solche Gewohnheiten geben dem Tag eine Struktur und helfen vielen Senioren, sich besser zu orientieren.
Viele Angehörige glauben, sie müssten den gesamten Tag mit Aktivitäten füllen.
Das Gegenteil ist häufig der Fall.
Ältere Menschen benötigen ebenso Ruhe wie Beschäftigung.
Entscheidend ist nicht die Anzahl der Aktivitäten, sondern deren Sinn.
Ein gemeinsames Gespräch kann wertvoller sein als ein aufwendig vorbereitetes Beschäftigungsprogramm.
Gemeinsam Kartoffeln schälen.
Alte Fotoalben anschauen.
Über frühere Erlebnisse sprechen.
Zusammen den Garten genießen.
Den Vögeln am Fenster zusehen.
Manchmal genügt es sogar, einfach gemeinsam zu schweigen.
Auch das kann Nähe vermitteln.
Aus Liebe möchten Angehörige ihren Eltern oft möglichst viele Aufgaben abnehmen.
Doch genau das kann auf Dauer dazu führen, dass Fähigkeiten schneller verloren gehen.
Wer noch in der Lage ist, sich selbst zu waschen, sollte dabei unterstützt und nicht ersetzt werden.
Wer den Frühstückstisch noch decken kann, sollte diese Aufgabe weiterhin übernehmen dürfen.
Jeder selbstständig ausgeführte Handgriff stärkt das Selbstvertrauen und vermittelt das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden.
Unterstützung sollte deshalb immer dort beginnen, wo sie wirklich notwendig wird.
Nicht früher.
Menschen mit Demenz profitieren besonders von einem möglichst gleichbleibenden Tagesablauf.
Wiederkehrende Abläufe vermitteln Orientierung.
Sie reduzieren Unsicherheit.
Sie helfen, Ängste abzubauen.
Sie schaffen Vertrautheit.
Dabei geht es nicht darum, jede Minute genau zu planen.
Viel wichtiger ist ein ruhiger Rhythmus, der sich möglichst wenig verändert.
Gerade häufige Veränderungen können Menschen mit Demenz verunsichern.
Ein strukturierter Alltag hilft nicht nur dem Senior.
Auch pflegende Angehörige gewinnen dadurch mehr Sicherheit.
Viele Entscheidungen müssen nicht täglich neu getroffen werden.
Der Tag wird vorhersehbarer.
Stress nimmt ab.
Und häufig entstehen dadurch wieder kleine gemeinsame Momente, die im Pflegealltag sonst leicht verloren gehen.
So wichtig feste Strukturen auch sind – sie dürfen niemals zum starren Stundenplan werden.
Jeder Mensch hat sein ganzes Leben eigene Gewohnheiten entwickelt.
Der eine steht gerne früh auf.
Der andere schläft lieber etwas länger.
Manche Menschen lesen gerne.
Andere verbringen ihre Zeit lieber im Garten oder hören Musik.
Eine gute Tagesstruktur orientiert sich deshalb immer am Menschen und nicht an einem festen Schema.
Sie berücksichtigt Gewohnheiten, Wünsche und Fähigkeiten.
Denn was einem Menschen Sicherheit gibt, kann für einen anderen völlig bedeutungslos sein.
Viele Angehörige haben das Gefühl, immer etwas tun zu müssen.
Dabei wünschen sich ältere Menschen häufig etwas ganz anderes.
Zeit.
Ein Gespräch.
Ein gemeinsames Essen.
Ein Lächeln.
Jemanden, der zuhört.
Nicht jede Minute muss sinnvoll genutzt werden.
Manchmal entsteht Lebensqualität genau in den ruhigen Momenten, in denen zwei Menschen einfach zusammen sitzen und den Tag miteinander verbringen.
Vielleicht sind es gerade diese scheinbar kleinen Augenblicke, die einem älteren Menschen das größte Gefühl von Geborgenheit schenken.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung
Seit Jahrzehnten begleite ich pflegende Angehörige und Senioren. Mit meinen Ratgebern möchte ich Wissen verständlich vermitteln und Familien in einer oft herausfordernden Lebensphase unterstützen.