Wenn ein älterer Mensch plötzlich anders isst oder trinkt als früher, fällt das innerhalb einer Familie nicht immer sofort als gesundheitliche Veränderung auf. Häufig beginnt es mit Kleinigkeiten, die zunächst kaum beunruhigen. Das Brot, das über Jahrzehnte zum Frühstück gehörte, bleibt häufiger liegen, Fleisch wird plötzlich gemieden oder nur noch in sehr kleinen Stücken gegessen, das Glas Wasser steht nach einer Stunde beinahe unberührt auf dem Tisch und für eine Mahlzeit wird deutlich mehr Zeit benötigt als früher. Vielleicht räuspert sich die Mutter nach dem Trinken häufiger, vielleicht hustet der Vater beim Essen oder hält einen Bissen ungewöhnlich lange im Mund, bevor er ihn schluckt. Manchmal gibt es überhaupt kein sichtbares Verschlucken, sondern nur den immer häufiger gehörten Satz: „Ich habe keinen Hunger.“ Gerade dieser Satz kann vieles bedeuten, denn nicht jeder ältere Mensch kann oder möchte genau erklären, weshalb Essen plötzlich schwieriger geworden ist. Hinter vermeintlicher Appetitlosigkeit können Zahnschmerzen, Mundtrockenheit, eine schlecht sitzende Prothese, eine entzündete Mundschleimhaut, Angst vor dem Verschlucken oder eine tatsächliche Schluckstörung stehen.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich gelernt, dass Angehörige dabei eine Beobachtungsgabe besitzen, die kein noch so guter kurzer Arzttermin ersetzen kann. Sie kennen den Menschen vor der Veränderung und wissen deshalb, was wirklich neu ist. Wer seit Jahren mit seiner Mutter frühstückt, merkt, dass sie das Brötchen plötzlich anders kaut. Wer seinen Vater regelmäßig besucht, sieht, dass er nach einigen Löffeln müde wird oder ständig zum Getränk greift, damit trockene Nahrung überhaupt weitergeht. Diese scheinbar kleinen Beobachtungen sind wichtig, weil sich Schluckbeschwerden nicht immer dramatisch ankündigen. Es muss nicht bei jedem Schluck gehustet werden und niemand muss sich sichtbar verschlucken, damit ein Problem besteht. Viel wichtiger ist häufig die Summe kleiner Veränderungen: längere Mahlzeiten, häufiges Räuspern, mehrfaches Nachschlucken, Speisereste im Mund, eine veränderte Stimme nach dem Trinken, das Meiden bestimmter Lebensmittel oder eine langsam sinkende Trinkmenge. Angehörige müssen daraus keine Diagnose ableiten, aber sie sollten solche Veränderungen ernst nehmen und weitergeben können.
Schlucken ist ein Vorgang, über den wir fast unser gesamtes Leben nicht nachdenken, obwohl dabei zahlreiche Muskeln, Nerven und fein abgestimmte Reflexe zusammenarbeiten. Bereits im Mund wird Nahrung zerkleinert, mit Speichel vermischt, durch die Zunge gesammelt und so vorbereitet, dass ein kontrollierter Bissen entstehen kann. Anschließend muss dieser Bissen weitertransportiert werden, während die Atemwege im entscheidenden Moment geschützt werden. Dieser Ablauf geschieht normalerweise automatisch und innerhalb sehr kurzer Zeit. Wenn jedoch einzelne Teile dieses Zusammenspiels nicht mehr zuverlässig funktionieren, kann Nahrung oder Flüssigkeit an Stellen gelangen, an die sie nicht gehört. Manche Menschen reagieren darauf mit kräftigem Husten, andere möglicherweise nur mit Räuspern oder einer auffälligen Veränderung der Stimme. Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen können Schutzreflexe vermindert sein, sodass auch eine sogenannte stille Aspiration möglich ist, bei der Material in die Atemwege gelangt, ohne dass ein deutlicher Hustenreiz auftritt. Genau deshalb ist es wichtig, wiederkehrende Auffälligkeiten nicht ausschließlich im häuslichen Alltag zu beobachten, sondern fachlich abklären zu lassen.
Schluckbeschwerden können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Sie kommen beispielsweise nach Schlaganfällen, bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen, im Verlauf einer Demenz, nach bestimmten Operationen sowie bei Erkrankungen im Bereich von Mund, Rachen oder Speiseröhre vor. Auch eine ausgeprägte körperliche Schwäche kann eine Rolle spielen. Gerade bei hochbetagten Menschen ist es aber häufig nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammenwirken mehrerer Veränderungen. Ein Mensch ist nach einem Krankenhausaufenthalt geschwächt, hat weniger Muskelkraft als zuvor, leidet gleichzeitig unter Mundtrockenheit und trägt eine Prothese, die nicht mehr richtig sitzt. Zusätzlich werden vielleicht Medikamente eingenommen, die Müdigkeit oder Mundtrockenheit begünstigen. Für sich genommen wäre keiner dieser Faktoren vielleicht dramatisch, gemeinsam können sie jedoch dazu führen, dass Essen und Trinken erheblich mühsamer werden.
Deshalb würde ich eine deutliche neue Veränderung niemals einfach mit dem Alter erklären. Natürlich verändert sich der Körper im Laufe der Jahre, aber wenn ein Mensch innerhalb kurzer Zeit etwas nicht mehr kann, was vorher noch problemlos funktionierte, verdient das eine genauere Betrachtung. Gerade plötzliche Schluckstörungen können auf eine akute Erkrankung hinweisen und müssen ärztlich beurteilt werden. Aber auch schleichende Veränderungen gehören angesprochen, wenn sie über längere Zeit bestehen oder zunehmen.
Besonders wichtig ist mir die Unterscheidung zwischen einer eigentlichen Schluckstörung und Schwierigkeiten, die bereits im Mund beginnen. Ein Mensch, der nur noch weiche Nahrung essen möchte, hat nicht automatisch eine neurologisch bedingte Dysphagie. Vielleicht schmerzt ein Zahn, vielleicht drückt der Zahnersatz oder die Schleimhaut ist entzündet. Auch ein Mundsoor kann den gesamten Mund empfindlich machen und dazu führen, dass Essen brennt oder unangenehm wird. Bei ausgeprägter Mundtrockenheit lässt sich Nahrung schlechter zu einem gut schluckbaren Bissen formen, trockene Lebensmittel kleben am Gaumen und jeder Bissen benötigt deutlich mehr Flüssigkeit. Gerade ältere Menschen sagen nicht immer: „Meine Prothese drückt hinten links“ oder „Meine Schleimhaut brennt.“ Sie finden möglicherweise selbst einen Weg, mit den Beschwerden umzugehen, indem sie härtere Lebensmittel vermeiden und immer mehr auf weichere Speisen ausweichen. Wenn wir dann lediglich die Ernährung umstellen, ohne nach der Ursache zu suchen, kann es passieren, dass ein eigentlich behandelbares Problem über Monate unentdeckt bleibt.
Auch deshalb gehört für mich bei veränderten Essgewohnheiten immer ein Blick auf Zähne, Zahnersatz und Mundschleimhaut dazu. Angehörige müssen dabei keine medizinische Untersuchung durchführen, aber sie können wahrnehmen, ob eine Prothese plötzlich nicht mehr getragen werden möchte, ob wunde Stellen sichtbar sind, ob die Zunge ungewöhnlich belegt ist oder ob eine bestimmte Berührung Schmerzen auslöst. Solche Veränderungen sollten zahnärztlich oder ärztlich abgeklärt werden. Gerade bei Menschen mit Demenz ist das besonders wichtig, denn sie können Schmerzen häufig nicht mehr zuverlässig beschreiben oder der richtigen Stelle zuordnen. Wenn eine zuvor problemlos akzeptierte Mundpflege plötzlich abgewehrt wird oder ein Mensch beim Einsetzen seiner Prothese das Gesicht verzieht, sollte man nicht vorschnell denken, er sei eben „schwieriger geworden“. Vielleicht versucht er lediglich, etwas Schmerzhaftes abzuwehren.
Eine ganz andere, aber ebenso wichtige Seite von Schluckbeschwerden ist die Angst. Wer einmal erlebt hat, wie ein Mensch sich schwer verschluckt, versteht, wie erschreckend diese wenigen Sekunden sein können. Für den Betroffenen selbst ist die Erfahrung häufig noch eindringlicher. Plötzlich funktioniert etwas nicht mehr, das ein Leben lang selbstverständlich war, heftiges Husten setzt ein, vielleicht entsteht für einen Moment das Gefühl, keine Luft zu bekommen, und danach sitzt der Mensch wieder vor demselben Glas oder demselben Teller. Es überrascht mich nicht, wenn danach Vorsicht entsteht. Manche Senioren nehmen nur noch winzige Schlucke, andere stellen das Glas nach jedem Schluck wieder ab oder vermeiden genau jene Lebensmittel, bei denen es zuvor Schwierigkeiten gab. Aus Sicht der Familie sieht es dann möglicherweise nach fehlendem Durst oder mangelndem Appetit aus, obwohl in Wirklichkeit Angst dahintersteht.
Angehörige reagieren darauf verständlicherweise mit Sorge. Wenn die Trinkmenge sinkt oder Gewicht verloren geht, wird immer häufiger zum Essen oder Trinken aufgefordert. Genau an diesem Punkt kann jedoch eine ungünstige Dynamik entstehen. Der Mensch mit Schluckbeschwerden spürt, dass jeder Bissen beobachtet wird, während der Angehörige wiederum bei jedem Husten erschrickt. Nach einiger Zeit sitzen beide angespannt am Tisch, obwohl keiner diese Situation gewollt hat. Sätze wie „Du musst noch trinken“, „Nimm noch einen Löffel“ oder „Jetzt schluck doch erst einmal richtig“ entstehen nicht aus Ungeduld, sondern häufig aus Angst um den geliebten Menschen. Trotzdem können sie den Druck erhöhen und das Gefühl verstärken, eine Mahlzeit sei nun etwas, das erfolgreich bewältigt werden müsse.
Deshalb versuche ich Angehörigen immer wieder zu vermitteln, dass ein Teller kein Test ist. Natürlich muss die gesamte Ernährung und Flüssigkeitsversorgung im Blick bleiben, insbesondere wenn bereits Gewichtsverlust oder eine geringe Trinkmenge bestehen. Aber nicht jede einzelne Mahlzeit muss vollständig gegessen werden, um eine gute Mahlzeit gewesen zu sein. Ein Mensch mit Schluckbeschwerden benötigt möglicherweise sehr viel länger für einen Bissen, muss mehrfach nachschlucken oder braucht zwischendurch eine Pause. Dann ist eine kleinere Menge, die ruhig und sicher gegessen wird, häufig sinnvoller als eine größere Portion, die unter dauernden Aufforderungen bewältigt werden soll. Wenn die Gesamtmenge dauerhaft nicht ausreicht, muss selbstverständlich nach der Ursache gesucht und fachliche Unterstützung einbezogen werden; dies lässt sich jedoch nicht dadurch lösen, dass bei jeder Mahlzeit mehr Druck entsteht.
Auch die Umgebung kann einen erheblichen Unterschied machen. Ein Mensch, der früher problemlos beim laufenden Fernseher gegessen und sich gleichzeitig unterhalten hat, benötigt bei einer Schluckstörung möglicherweise mehr Konzentration. Das gilt besonders bei zusätzlicher Demenz oder neurologischer Erkrankung. Mehrere gleichzeitig geführte Gespräche, Radio oder Fernsehen, hektisches Abräumen oder ständige Fragen können dann dazu führen, dass die Aufmerksamkeit vom Essvorgang abgezogen wird. Eine ruhige Mahlzeit bedeutet deshalb nicht, dass schweigend gegessen werden muss. Es geht vielmehr darum, unnötige Reize zu reduzieren, Zeit zu geben und nicht bereits mit dem nächsten Löffel zu warten, bevor der vorherige Bissen tatsächlich geschluckt wurde.
Die Körperhaltung ist ebenfalls von Bedeutung. Grundsätzlich ist es sinnvoll, beim Essen und Trinken möglichst stabil und aufrecht zu sitzen, sofern der gesundheitliche Zustand dies erlaubt. Der Oberkörper sollte Halt haben und nicht zusammensinken, die Füße sollten nach Möglichkeit stabil stehen oder abgestützt sein. Bei speziellen Kopfhaltungen und sogenannten Schluckmanövern ist jedoch Zurückhaltung wichtig, weil nicht jede Technik zu jeder Schluckstörung passt. Im Internet findet man schnell vermeintlich einfache Regeln, beispielsweise den Kopf grundsätzlich nach vorne zu neigen. Solche Maßnahmen können bei bestimmten Befunden hilfreich sein, bei anderen jedoch nicht. Spezielle Schlucktechniken sollten deshalb von einer entsprechend qualifizierten Fachperson individuell empfohlen und praktisch erklärt werden. Dasselbe gilt für das Trinken mit einem Strohhalm. Für den einen Menschen kann es gut funktionieren, für einen anderen kann die Flüssigkeit damit zu schnell oder in einer ungünstigen Menge in den Mund gelangen. Pauschale Verbote oder Empfehlungen helfen hier wenig.
Ein Thema, das viele Angehörige besonders beschäftigt, ist das Andicken von Getränken. Dünnflüssige Getränke wie Wasser, Tee oder Kaffee fließen sehr schnell. Bei bestimmten Schluckstörungen kann genau diese Geschwindigkeit zum Problem werden, weil die Flüssigkeit bereits weiterläuft, bevor der Schluckvorgang ausreichend vorbereitet ist und die Atemwege zuverlässig geschützt werden. In solchen Fällen können spezielle Andickungsmittel hilfreich sein. Sie verändern die Konsistenz eines Getränks und können dadurch ermöglichen, dass es langsamer und kontrollierter bewegt wird. Entscheidend ist jedoch, dass Andickungspulver nicht nach eigenem Gefühl eingesetzt wird. Die geeignete Konsistenz sollte nach einer fachlichen Schluckbeurteilung festgelegt werden, denn „dicker“ ist nicht automatisch „sicherer“.
Im Alltag kommt noch etwas hinzu, was leicht unterschätzt wird: Andickungsmittel unterscheiden sich in ihrer Anwendung, und die endgültige Konsistenz entsteht je nach Produkt und Getränk nicht immer sofort. Deshalb sollte die Herstelleranleitung genau beachtet und die fachlich empfohlene Menge eingehalten werden. Wer nach wenigen Sekunden denkt, das Getränk sei noch zu dünn, und einfach weiteres Pulver zugibt, kann am Ende eine wesentlich stärkere Konsistenz erhalten als beabsichtigt. Auch verschiedene Getränke können unterschiedlich reagieren. Wasser, Kaffee, Saft, Milchgetränke oder Nahrungsergänzungen verhalten sich beim Andicken nicht zwangsläufig identisch. Angehörige sollten sich deshalb praktisch zeigen lassen, wie die verordnete oder therapeutisch empfohlene Konsistenz hergestellt wird. Eine verständliche Demonstration in der eigenen Tasse ist häufig wertvoller als ein medizinischer Fachbegriff auf einem Blatt Papier.
Dabei darf nie vergessen werden, dass ein angedicktes Getränk dem Menschen auch schmecken und von ihm akzeptiert werden muss. Wenn ein Senior seinen Kaffee jahrzehntelang auf eine bestimmte Weise getrunken hat und nun eine ungewohnte Konsistenz erhält, kann das zunächst sehr befremdlich sein. Wird daraufhin deutlich weniger getrunken, entsteht möglicherweise eine neue Gefahr. Schlucksicherheit und ausreichende Flüssigkeitsversorgung müssen deshalb immer gemeinsam betrachtet werden. Wenn eine bestimmte Konsistenz notwendig ist, sollte mit den beteiligten Fachpersonen besprochen werden, welche Getränke darin gut akzeptiert werden und wie die Flüssigkeitszufuhr über den Tag möglichst zuverlässig erreicht werden kann.
Ähnliches gilt für die Nahrung. Weiche Speisen sind nicht automatisch leicht zu schlucken. Manche Lebensmittel kleben im Mund, andere zerfallen in viele kleine Bestandteile und wiederum andere bestehen aus gleichzeitig festen und flüssigen Komponenten. Gerade solche Mischkonsistenzen können bei bestimmten Formen einer Schluckstörung problematisch sein. Deshalb sollte eine empfohlene Kostform nicht einfach mit „jetzt nur noch weich kochen“ übersetzt werden. Angehörige sollten genau wissen, welche Konsistenz gemeint ist, welche Lebensmittel geeignet sind und welche Zubereitungsweise im individuellen Fall empfohlen wurde. Wenn eine Erklärung zu theoretisch bleibt, sollte man nachfragen, bis sie am eigenen Küchentisch tatsächlich umsetzbar ist.
Trotz aller medizinischen Notwendigkeiten darf das Essen dabei nicht seine Würde verlieren. Ich halte es für einen großen Unterschied, ob ein Mensch eine liebevoll angerichtete, an seine Möglichkeiten angepasste Mahlzeit bekommt oder ob alles wahllos zu einer einheitlichen Masse verarbeitet wird, aus der weder optisch noch geschmacklich hervorgeht, was eigentlich gegessen wird. Wenn eine stärker veränderte Konsistenz notwendig ist, kann trotzdem darauf geachtet werden, einzelne Geschmacksrichtungen zu erhalten und Bestandteile soweit möglich getrennt anzubieten. Essen bleibt ein sinnliches Erlebnis. Menschen reagieren auf Gerüche, Farben, vertraute Gewürze und bekannte Geschmäcker, und gerade bei Demenz können solche Reize Erinnerungen und Gefühle ansprechen, die über Worte kaum noch erreichbar sind.
Man sollte sich dabei bewusst machen, welche biografische Bedeutung Essen haben kann. Das Sonntagsgericht, der Kaffee am Nachmittag, eine bestimmte Suppe oder ein Kuchen gehören vielleicht seit Jahrzehnten zu diesem Menschen. Wenn aufgrund einer Schluckstörung vieles davon plötzlich anders aussehen oder zubereitet werden muss, erlebt der Betroffene nicht nur eine medizinische Anpassung, sondern möglicherweise einen weiteren Verlust. Deshalb lohnt es sich, gemeinsam mit den Fachpersonen zu überlegen, ob vertraute Gerichte in einer geeigneten Konsistenz weiterhin möglich sind. Nicht alles lässt sich erhalten, aber häufig mehr, als man zunächst denkt.
Mundtrockenheit verdient in diesem Zusammenhang noch einmal besondere Aufmerksamkeit. Speichel ist für die Verarbeitung der Nahrung von großer Bedeutung, weil er den Bissen gleitfähig macht und die Beweglichkeit im Mund unterstützt. Fehlt ausreichend Speichel, werden trockene und krümelige Speisen schnell anstrengend. Einige Medikamente können Mundtrockenheit begünstigen, ebenso bestimmte Erkrankungen oder eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme. Wenn ein älterer Mensch ständig etwas trinken muss, um einen Bissen herunterzubekommen, über Brennen im Mund klagt oder nachts häufig wegen eines trockenen Mundes aufwacht, sollte dies ärztlich beziehungsweise zahnärztlich angesprochen werden. Medikamente dürfen dabei niemals eigenständig verändert oder abgesetzt werden, selbst wenn eine Nebenwirkung vermutet wird.
Bei Menschen mit Schluckstörungen ist außerdem eine gute Mundhygiene besonders wichtig. Im Mundraum befinden sich natürlicherweise zahlreiche Mikroorganismen. Gelangen Speichel oder kleinste Nahrungsbestandteile in die Atemwege, können dabei auch Keime mittransportiert werden. Deshalb gehört eine sorgfältige Mundpflege zu einer umfassenden Begleitung. Eigene Zähne, Zahnersatz, Zunge und Mundschleimhaut sollten regelmäßig gepflegt werden, wobei die konkrete Ausführung an die Möglichkeiten des Menschen angepasst sein muss. Bei auffälligen Belägen, Druckstellen, Blutungen, Wunden oder Schmerzen sollte fachliche Hilfe hinzugezogen werden. Gerade bei Senioren, die eine Prothese tragen, sollte außerdem überprüft werden, ob diese noch richtig sitzt, denn der Mund verändert sich im Laufe der Jahre und ein früher gut passender Zahnersatz muss nicht dauerhaft problemlos bleiben.
Bei Demenz bekommt das Thema eine zusätzliche Dimension. Ein Mensch kann körperlich noch grundsätzlich kauen und schlucken können, aber Schwierigkeiten mit der Planung des gesamten Ablaufs haben. Nahrung wird möglicherweise lange im Mund gehalten, weil der nächste Handlungsschritt nicht mehr automatisch erfolgt. Ein neuer Bissen wird aufgenommen, obwohl der vorherige noch nicht geschluckt wurde, oder Besteck wird nicht mehr sicher verwendet. Angehörige erleben solche Situationen häufig mit großer Unruhe und beginnen verständlicherweise, immer mehr Anweisungen zu geben. Doch genau das kann einen demenzkranken Menschen zusätzlich überfordern. Wenn mehrere Aufforderungen unmittelbar hintereinander kommen, während gleichzeitig gegessen, gekaut und geschluckt werden soll, muss das erkrankte Gehirn mehr Informationen verarbeiten, als ihm möglicherweise noch gelingt.
In solchen Situationen können kleine Portionen, eine übersichtliche Tischsituation, ausreichend Pausen und eine vertraute Begleitung sehr hilfreich sein. Auch die Tageszeit kann eine Rolle spielen. Manche Menschen mit Demenz sind zu bestimmten Zeiten deutlich wacher und aufnahmefähiger als zu anderen. Wenn ein Senior morgens gut isst, am Abend aber bereits sehr erschöpft und unkonzentriert ist, sollte dieser Unterschied in der Tagesplanung berücksichtigt werden. Gute Betreuung hält nicht starr an Uhrzeiten fest, wenn der Mensch längst zeigt, dass sein eigener Rhythmus ein anderer geworden ist.
Gleichzeitig sollte gerade bei Demenz jede neue Veränderung körperlich mitgedacht werden. Es ist schnell gesagt: „Das gehört zur Demenz.“ Doch ein Mensch mit Demenz kann genauso Zahnschmerzen bekommen, eine schlecht sitzende Prothese haben, an Mundsoor erkranken oder eine neue Schluckstörung entwickeln wie jeder andere Mensch auch. Die Erkrankung erschwert lediglich häufig, diese Beschwerden verständlich mitzuteilen. Wer das weiß, schaut anders auf vermeintliche Verweigerung und fragt häufiger, ob vielleicht etwas weh tut oder unangenehm geworden ist.
Ein weiterer Aspekt, über den selten gesprochen wird, ist die Scham. Essen ist für die meisten Menschen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern seit Kindheit eine soziale Handlung. Wir haben gelernt, wie wir am Tisch sitzen, Besteck benutzen und gemeinsam mit anderen essen. Wenn ein Mensch im hohen Alter plötzlich Nahrung verliert, häufig hustet, ungewöhnlich lange benötigt oder Hilfe beim Essen braucht, kann das für ihn sehr beschämend sein. Gerade Menschen, die ihr Leben lang großen Wert auf Selbstständigkeit und gepflegte Umgangsformen gelegt haben, können darunter erheblich leiden. Manche ziehen sich deshalb von gemeinsamen Mahlzeiten zurück, obwohl sie eigentlich gern Gesellschaft hätten. Angehörige sollten Schwierigkeiten deshalb möglichst diskret behandeln und nicht vor anderen kommentieren, wie viel gegessen wurde, wie schlecht das Schlucken heute funktioniert oder wie lange die Mahlzeit dauert.
Auch Erschöpfung sollte beobachtet werden. Eine ausgeprägte Schluckstörung kann Mahlzeiten körperlich sehr anstrengend machen. Manche Menschen beginnen gut und werden nach zwanzig oder dreißig Minuten deutlich müder. Die Haltung lässt nach, das Kauen dauert länger und die Konzentration wird schlechter. In solchen Situationen können nach fachlicher Rücksprache kleinere Mahlzeiten über den Tag möglicherweise besser funktionieren als wenige sehr große Portionen. Besonders bei gleichzeitigem Gewichtsverlust sollte allerdings nicht einfach selbst experimentiert werden, sondern die gesamte Ernährungssituation ärztlich beziehungsweise ernährungsfachlich beurteilt werden.
Unbeabsichtigter Gewichtsverlust im Alter sollte ohnehin ernst genommen werden. Wenn ein Mensch wegen Schluckproblemen über längere Zeit weniger isst, verliert er nicht nur Körpergewicht, sondern unter Umständen auch Muskelmasse. Das kann wiederum seine Kraft, Mobilität und Selbstständigkeit beeinträchtigen. Ähnliches gilt für eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, die Kreislauf, Allgemeinzustand und geistige Leistungsfähigkeit zusätzlich belasten kann. Deshalb ist es wichtig, Entwicklungen über einen gewissen Zeitraum zu beobachten, ohne den Senior dabei täglich zum Gegenstand einer Kontrolle zu machen. Gewicht, Essmenge und Trinkverhalten können sinnvoll dokumentiert werden, wenn medizinisch erforderlich, aber die Mahlzeiten sollten trotzdem möglichst menschlich bleiben.
Auch Medikamente müssen bei Schluckbeschwerden neu betrachtet werden. Wenn Tabletten plötzlich nicht mehr sicher geschluckt werden können, liegt es nahe, sie zu zerdrücken oder Kapseln zu öffnen. Genau das kann jedoch bei manchen Präparaten problematisch oder sogar gefährlich sein, weil sich dadurch die Freisetzung und Wirkung des Wirkstoffs verändern kann. Deshalb dürfen Medikamente nicht eigenmächtig zerkleinert, geöffnet oder in anderer Form gegeben werden. Arzt und Apotheke können prüfen, ob es alternative Darreichungsformen gibt oder wie die Einnahme im konkreten Fall sicher erfolgen kann.
Nach dem Essen sollte bei bekannten Schluckproblemen ebenfalls nicht sofort alles als erledigt betrachtet werden. Bei manchen Menschen bleiben Nahrungsreste im Mund zurück, insbesondere in den Wangentaschen. Das kann bei neurologischen Erkrankungen und Demenz vorkommen. Ein behutsamer Blick kann deshalb sinnvoll sein, wenn dies fachlich empfohlen wurde und respektvoll möglich ist. Ebenso kann bei bestimmten Befunden empfohlen werden, nach der Mahlzeit noch eine gewisse Zeit aufrecht zu bleiben. Auch solche Maßnahmen sollten sich am individuellen Befund orientieren und nicht als allgemeine Regel auf jeden Menschen übertragen werden.
Was Angehörige nach einer Schluckdiagnostik brauchen, ist deshalb keine Seite voller Fachbegriffe, sondern eine wirklich praktische Anleitung. Sie sollten wissen, welche Speisen geeignet sind, welche Konsistenz Getränke haben sollen, wie das verwendete Andickungspulver dosiert wird, wie lange es bis zur endgültigen Konsistenz benötigt, welche Körperhaltung empfohlen wurde und ob es beim individuellen Menschen Besonderheiten beim Trinken gibt. Ebenso wichtig ist die Frage, woran Angehörige erkennen können, dass sich die Situation verschlechtert und wann erneut ärztliche oder logopädische Rücksprache notwendig wird. Es ist vollkommen berechtigt, diese Dinge so lange nachzufragen, bis sie verstanden wurden. Angehörige sollen keine Therapeuten werden, aber sie müssen eine Empfehlung im Alltag sicher umsetzen können.
Zu einer verantwortungsvollen Begleitung gehört außerdem, auf einen wirklichen Notfall vorbereitet zu sein. Wenn ein Mensch sich so verschluckt, dass er nicht mehr wirksam husten, sprechen oder atmen kann, muss sofort gehandelt werden. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen dabei erforderlich sind, sollte man nicht allein aus einem Artikel lernen. Gerade Familien, die einen Menschen mit bekannter ausgeprägter Schluckstörung betreuen, profitieren sehr von einem aktuellen Erste-Hilfe-Kurs, in dem diese Situationen praktisch geübt werden. Das Wissen verhindert nicht jedes Verschlucken, aber es nimmt ein Stück der Hilflosigkeit, die Angehörige nach einer solchen Erfahrung häufig begleitet.
Bei all diesen medizinischen und pflegerischen Überlegungen möchte ich jedoch etwas nicht verlieren, was mir nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung besonders wichtig geworden ist. Vor uns sitzt kein „Schluckpatient“, sondern ein Mensch, der vielleicht achtzig oder neunzig Jahre lang selbstverständlich gegessen und getrunken hat. Er hat Lieblingsgerichte, Abneigungen, Familienrituale und Erinnerungen. Vielleicht gehörte ein bestimmtes Frühstück zu jedem Morgen seines Lebens, vielleicht war der Sonntagsbraten ein Familienritual oder der Kaffee am Nachmittag einer der schönsten Momente des Tages. Wenn Essen plötzlich zum Risiko wird, verliert dieser Mensch nicht nur eine körperliche Fähigkeit. Er kann ein Stück Normalität, Genuss und Selbstbestimmung verlieren.
Gute Begleitung muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig leisten. Sie muss die medizinischen Risiken ernst nehmen und Empfehlungen zuverlässig umsetzen, darf aber aus jeder Mahlzeit nicht eine therapeutische Veranstaltung machen. Der Senior soll nicht bei jedem Schluck in die angespannten Gesichter seiner Familie sehen müssen. Er soll, soweit es seine Situation zulässt, weiterhin auswählen, schmecken, genießen und am gemeinsamen Tisch teilnehmen können. Vielleicht muss das Essen anders zubereitet werden, vielleicht dauert alles länger und vielleicht sind manche vertrauten Dinge tatsächlich nicht mehr möglich. Aber selbst innerhalb solcher Grenzen kann sehr viel Lebensqualität erhalten bleiben.
Wenn Angehörige mich fragen würden, worauf sie zuerst achten sollen, würde ich deshalb nicht mit einer Liste von Lebensmitteln beginnen. Ich würde sie bitten, den Menschen eine Weile sehr genau anzusehen. Nicht kontrollierend, sondern aufmerksam. Wie verändert sich sein Gesicht beim Essen? Bei welchem Getränk beginnt das Räuspern? Welche Speise bleibt seit einiger Zeit immer liegen? Ist der Mund trocken? Sitzt die Prothese richtig? Wird der Mensch im Laufe der Mahlzeit müde? Hat er vielleicht Angst? Zieht er sich zurück, weil ihm seine Schwierigkeiten peinlich sind? Ist das Essen noch eine angenehme Zeit des Tages oder inzwischen hauptsächlich Anstrengung?
Solche Fragen führen häufig zu den Informationen, die später eine gezielte fachliche Abklärung überhaupt erst möglich machen. Angehörige müssen nicht wissen, welche Phase des Schluckens gestört ist. Sie müssen keine medizinische Diagnose stellen und sie sollten auch nicht auf eigene Faust therapeutische Maßnahmen ausprobieren. Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie den Menschen kennen. Sie wissen, wie er gestern war, und deshalb können sie erkennen, wenn sein Heute anders geworden ist.
Genau darin liegt für mich der große Wert einer persönlichen, kontinuierlichen Betreuung. Wer täglich bei einem Menschen ist, bemerkt nicht nur, dass der Teller irgendwann leerer bleibt. Er kann wahrnehmen, warum sich vielleicht etwas verändert, die Beobachtung weitergeben und dafür sorgen, dass rechtzeitig genauer hingesehen wird. Und gleichzeitig kann er dafür sorgen, dass ein medizinisches Problem nicht den gesamten Alltag bestimmt.
Denn am Ende geht es bei Schluckbeschwerden nicht nur darum, Nahrung möglichst sicher von einem Ort zum anderen zu transportieren. Es geht um einen Menschen, der weiterhin essen möchte, ohne Angst zu haben, der trinken möchte, ohne sich beobachtet zu fühlen, und der möglicherweise ein Leben lang mit Freude am Tisch gesessen hat. Diesem Menschen Sicherheit zu geben, ohne ihm Genuss und Selbstbestimmung zu nehmen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Sie verlangt Wissen, Beobachtung, Geduld und manchmal auch die Bereitschaft, Gewohnheiten zu verändern.
Vor allem verlangt sie jedoch etwas, das sich durch keine Tabelle und kein Andickungspulver ersetzen lässt: die Bereitschaft, genau hinzusehen und den Menschen hinter der Schwierigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.
Das ist für mich gute Betreuung.
Ihre Elke Hanak
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Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung für Angehörige und ersetzt ausdrücklich keine ärztliche, zahnärztliche, logopädische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Neu auftretende oder zunehmende Schluckbeschwerden, häufiges Verschlucken, Husten oder Räuspern beim Essen und Trinken, auffällige Stimmveränderungen nach dem Schlucken, wiederkehrende Atemwegsprobleme, unerklärlicher Gewichtsverlust oder eine deutlich verminderte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sollten ärztlich abgeklärt werden. Die geeignete Konsistenz von Speisen und Getränken, der Einsatz und die Dosierung von Andickungsmitteln sowie spezielle Körperhaltungen und Schlucktechniken müssen individuell fachlich festgelegt werden. Medikamente dürfen bei Schluckproblemen nicht eigenständig zerkleinert, geöffnet, verändert oder abgesetzt werden; hierzu sollten die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt oder die Apotheke befragt werden.