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Wenn die Nacht Erinnerungen weckt, die am Tag verborgen bleiben

Warum vertraute Handlungen und alte Lebensmuster nachts bei Demenz wieder sichtbar werden

Manchmal beginnt es ganz unscheinbar.

Sie werden nachts wach, weil irgendwo eine Schublade aufgezogen wird. Erst hören Sie nur ein leises Klappern, dann Schritte im Flur. Sie stehen auf und finden Ihre Mutter in der Küche. Auf dem Tisch liegen Teller, Tassen und Besteck, sorgfältig nebeneinandergelegt. Vielleicht hat sie sogar Brot herausgeholt und sucht nach einer Schüssel.

Es ist zwei Uhr nachts.

Auf Ihre Frage, was sie macht, schaut sie Sie fast verwundert an.

„Die kommen doch gleich.“

Wer kommen soll, kann sie nicht erklären. Vielleicht weiß sie selbst nicht mehr genau, wen sie erwartet. Aber dass etwas vorbereitet werden muss, daran scheint für sie überhaupt kein Zweifel zu bestehen.

Am nächsten Abend räumt sie ihre Kleidung aus dem Schrank und legt einzelne Stücke ordentlich aufs Bett. In einer anderen Nacht steckt sie Taschentücher, eine Bürste und verschiedene Kleinigkeiten in eine Tasche. Wenn Sie fragen, wohin sie möchte, bekommen Sie keine klare Antwort. Nur dieses entschlossene Gefühl: Es muss etwas getan werden.

Für Angehörige sind solche Nächte schwer zu verstehen. Man steht daneben und sieht Dinge geschehen, für die es im heutigen Leben keinen erkennbaren Anlass gibt. Gleichzeitig ist man müde, vielleicht seit Wochen, und möchte eigentlich nur, dass endlich Ruhe einkehrt.

Gerade dann übersieht man leicht etwas sehr Menschliches: Für den Menschen vor uns kann dieses Tun durchaus einen Sinn haben.

Nur liegt dieser Sinn möglicherweise viele Jahrzehnte zurück.

Was ein Mensch sein Leben lang getan hat, hinterlässt mehr als Erinnerungen

Wir sprechen bei Demenz sehr viel über das Gedächtnis. Darüber, was ein Mensch noch weiß, welchen Namen er vergessen hat, ob er den Tag erkennt und welche Ereignisse er noch erzählen kann.

Aber ein Leben besteht nicht nur aus Dingen, die wir bewusst erinnern.

Es besteht auch aus unzähligen Wiederholungen.

Jeden Morgen den Tisch decken.

Am Abend kontrollieren, ob alle Türen geschlossen sind.

Kleidung für den nächsten Tag bereitlegen.

Darauf achten, dass genügend Vorräte im Haus sind.

Nachsehen, ob alles an seinem Platz ist.

Für andere mitdenken.

Vorbereiten.

Ordnung schaffen.

Verantwortung übernehmen.

Wer solche Dinge über dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre getan hat, hat sie nicht jeden Tag neu beschlossen. Sie sind irgendwann selbstverständlich geworden, beinahe Teil des Körpers.

Genau deshalb erleben Angehörige bei Demenz manchmal etwas Erstaunliches: Ein Mensch kann nicht mehr erklären, warum er etwas tut, und tut es trotzdem mit einer Selbstverständlichkeit, die erkennen lässt, wie vertraut es ihm einmal gewesen sein muss.

Vielleicht steht Ihre Mutter nachts nicht in der Küche, weil sie „grundlos unruhig“ ist.

Vielleicht bereitet sie in ihrer inneren Welt gerade einen Morgen vor, wie sie ihn unzählige Male vorbereitet hat.

Und plötzlich sieht man dieselbe Szene anders.

Eine Frau, die nachts den Tisch deckt, hat vielleicht ein Leben lang dafür gesorgt, dass niemand hungrig aus dem Haus ging

Wir müssen dabei vorsichtig sein. Nicht jedes Verhalten lässt sich aus der Biografie erklären, und wir sollten einem Menschen keine Geschichte überstülpen, nur weil sie schön klingt.

Aber wir dürfen neugierig werden.

Wie hat dieser Mensch früher gelebt?

Was gehörte jeden Tag zu seinem Leben?

Wofür fühlte er sich verantwortlich?

Was durfte auf keinen Fall vergessen werden?

Eine Frau, die nachts immer wieder Geschirr aus dem Schrank holt, war vielleicht jahrzehntelang diejenige, die morgens für alle da war. Einer musste früh zur Arbeit, ein anderer zur Schule, später kamen Enkelkinder, Gäste oder Angehörige. Ihre Küche war vielleicht der Ort, an dem sie wusste, was zu tun war, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Heute kann sie möglicherweise nicht mehr sagen, welcher Monat ist.

Aber ihre Hände wissen noch, wo die Teller stehen.

Das berührt mich an Demenz immer wieder: Manches Wissen verschwindet aus den Worten und bleibt trotzdem irgendwo im Menschen erhalten.

Nicht zuverlässig. Nicht unverändert. Und manchmal in einer Zeit, in der es überhaupt nicht mehr gebraucht wird.

Aber es ist noch da.

Wenn Sie eine solche Frau um zwei Uhr morgens in der Küche antreffen, können Sie natürlich alles wieder wegräumen und erklären, dass jetzt niemand frühstückt. Vielleicht muss das sogar sein, weil sie sonst die ganze Nacht beschäftigt wäre oder sich gefährden könnte.

Doch bevor Sie nur die Unruhe sehen, schauen Sie einen Augenblick auf die Frau.

Vielleicht steht dort auch jemand, der sein halbes Leben dafür gesorgt hat, dass es anderen gut geht.

Das nimmt die Anstrengung dieser Nacht nicht weg.

Aber es kann verhindern, dass von diesem Menschen irgendwann nur noch das Verhalten übrigbleibt, das uns Mühe macht.

Manche Menschen beginnen nachts zu ordnen, weil Ordnung einmal Sicherheit bedeutete

Es gibt Menschen mit Demenz, die nachts Schubladen leeren, Dinge sortieren, Kleidung stapeln oder Gegenstände von einem Ort an einen anderen tragen.

Für Angehörige ist das zermürbend. Vor allem dann, wenn am nächsten Morgen alles wieder gesucht, eingeräumt und in Ordnung gebracht werden muss.

Manchmal entsteht daraus ein täglicher Kreislauf: Der Angehörige räumt tagsüber auf, der Mensch mit Demenz räumt nachts wieder um.

Nach einigen Wochen findet man daran nichts Interessantes mehr.

Man ist nur noch müde.

Und das verstehe ich sehr gut.

Trotzdem lohnt sich auch hier die Frage, was Ordnung für diesen Menschen früher bedeutet hat.

Es gibt Menschen, deren Leben davon geprägt war, alles im Griff zu behalten. Vielleicht war ein aufgeräumter Haushalt wichtig. Vielleicht durfte am Abend nichts herumliegen. Vielleicht bedeutete Ordnung Sicherheit, Anständigkeit oder einfach das beruhigende Gefühl, seine Aufgaben erledigt zu haben.

Bei Demenz kann der Zusammenhang verloren gehen, während der Drang zu handeln bestehen bleibt.

Dann wird eine Schublade nicht deshalb ausgeräumt, weil jemand uns zusätzliche Arbeit machen möchte.

Der Mensch versucht möglicherweise selbst, eine Ordnung herzustellen, die er innerlich nicht mehr findet.

Das ist psychologisch ein wichtiger Unterschied.

Denn ein Leben, das zunehmend unverständlich wird, kann Angst machen. Wenn vertraute Abläufe, Räume und Zusammenhänge nicht mehr zuverlässig erkannt werden, suchen Menschen nach etwas, woran sie sich halten können. Ein bekanntes Tun kann dann beruhigender sein als jede Erklärung.

Die Hände machen etwas Vertrautes, während der Kopf die Gegenwart nicht mehr sicher einordnen kann.

Auch das ständige Kontrollieren kann eine Geschichte haben

Vielleicht kennen Sie eine andere Form nächtlicher Unruhe.

Ihr Angehöriger geht immer wieder zur Haustür.

Er prüft die Klinke.

Geht zum Fenster.

Kommt zurück.

Sie bringen ihn wieder ins Bett, doch kurze Zeit später hören Sie erneut die Tür.

Nach mehreren Nächten sind Sie nicht mehr neugierig auf die Ursache. Sie wollen einfach schlafen und vor allem sicher sein, dass niemand hinausgeht.

Das ist verständlich.

Aber auch solches Kontrollieren kann aus einem früheren Leben kommen.

Vielleicht war dieser Mensch immer derjenige, der abends noch einmal durchs Haus ging. Der nachsah, ob abgeschlossen war, ob Licht brannte, ob alles sicher war. Vielleicht gehörte es jahrzehntelang zu seinem Abend, Verantwortung für Haus und Familie zu tragen.

Heute weiß er womöglich fünf Minuten später nicht mehr, dass er die Tür bereits kontrolliert hat.

Das Bedürfnis, sich zu vergewissern, ist trotzdem wieder da.

Und dann entsteht eine quälende Schleife: Das Gefühl verlangt nach Sicherheit, die Kontrolle beruhigt kurz, die Erinnerung an die Kontrolle geht verloren, und die Unsicherheit beginnt erneut.

Für den Angehörigen sieht es aus wie endloses Wiederholen.

Für den Menschen mit Demenz kann sich jedes einzelne Mal anfühlen, als hätte er gerade erst bemerkt, dass etwas überprüft werden muss.

Wenn man sich das vorstellt, versteht man ein wenig besser, warum der Satz „Du hast doch gerade erst nachgesehen“ so wenig bewirken kann.

Er hat gerade nachgesehen.

Nur kann er sich auf diese Erinnerung nicht mehr verlassen.

Die Nacht nimmt vieles weg, woran wir uns tagsüber festhalten

Am Tag hilft uns die Welt, zu wissen, wo wir sind.

Licht fällt durchs Fenster, auf der Straße fahren Autos, Mahlzeiten folgen aufeinander, Menschen telefonieren, Türen gehen, irgendwo läuft ein Fernseher. Selbst ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz bekommt dadurch unzählige kleine Hinweise darauf, dass gerade Tag ist und Leben um ihn herum stattfindet.

Nachts wird diese Welt stiller.

Dann kann ein vertrautes Zimmer plötzlich anders aussehen. Ein Schatten genügt, um einen bekannten Gegenstand fremd wirken zu lassen. Das Haus klingt anders. Niemand kommt. Niemand geht. Die üblichen Abläufe fehlen.

Für einen Menschen, dessen Orientierung ohnehin unsicher geworden ist, kann diese Leere sehr belastend sein.

Und in diese Leere drängt manchmal etwas Vertrautes hinein.

Ein alter Ablauf.

Eine Aufgabe.

Eine Gewohnheit.

Etwas, das man früher immer getan hat und bei dem man nicht überlegen musste.

Das ist einer der Gründe, warum ich nächtliche Unruhe nicht vorschnell nur als Störung betrachten würde. Manchmal versucht ein Mensch darin, sich selbst Halt zu geben.

Während der eine Halt sucht, verliert der andere langsam seine Kraft

An dieser Stelle darf man die Angehörigen nicht vergessen.

Denn so berührend eine Lebensgeschichte sein kann: Um halb drei Uhr nachts fühlt sie sich nicht immer berührend an.

Nach der ersten schlechten Nacht ist man müde.

Nach der fünften wird man dünnhäutig.

Wenn die Nächte über Wochen unterbrochen sind, kann irgendwann schon ein Geräusch aus dem Nachbarzimmer reichen, damit im eigenen Körper alles angespannt ist.

Man schläft nicht mehr richtig ein, weil man auf das nächste Aufstehen wartet. Man hört Türen, Schritte, Wasser, Schubladen. Selbst wenn es still bleibt, lauscht man.

Das ist eine besondere Form der Erschöpfung, weil der Körper irgendwann vergessen kann, wie sich wirkliche Ruhe anfühlt.

Und morgens ist niemand da, der sagt: Sie haben fast nicht geschlafen, heute fällt alles aus.

Der Mensch mit Demenz braucht trotzdem Hilfe.

Es muss gegessen werden. Vielleicht ist Körperpflege nötig. Medikamente, Termine und Haushalt warten. Angehörige telefonieren mit Ärzten, Pflegekassen, Pflegediensten oder anderen Familienmitgliedern und versuchen nebenbei noch, ihr eigenes Leben zusammenzuhalten.

Irgendwann kann ein Mensch in einer solchen Situation einen Ton anschlagen, den er selbst von sich nicht kennt.

Und genau dann beginnt häufig die nächste Qual: das schlechte Gewissen.

Es gibt einen Moment, über den kaum jemand spricht

Es ist der Moment, in dem Sie Ihren Angehörigen nachts hören und für einen kurzen Augenblick liegen bleiben.

Nicht weil es Ihnen gleichgültig wäre.

Sondern weil alles in Ihnen sagt: Ich kann gerade nicht mehr.

Vielleicht bleiben Sie nur zehn Sekunden liegen.

Vielleicht drehen Sie sich um und wünschen sich, das Geräusch hätte Sie nicht geweckt.

Und dann stehen Sie natürlich doch auf.

Viele Menschen schämen sich bereits für diese wenigen Sekunden.

Das sollten sie nicht.

Wer einen Menschen liebt, kann trotzdem erschöpft sein. Liebe hebt die Grenzen des Körpers nicht auf und macht aus einem Menschen keine unendliche Kraftquelle.

Man kann mit ganzem Herzen für jemanden da sein und sich gleichzeitig danach sehnen, wenigstens einmal bis zum Morgen schlafen zu dürfen.

Diese beiden Gefühle widersprechen sich nicht.

Gerade Angehörige, die besonders viel tragen, glauben häufig, sie müssten noch geduldiger, noch verständnisvoller und noch belastbarer sein. Dabei wäre manchmal viel wichtiger, dass endlich jemand auch ihre Erschöpfung ernst nimmt.

Vielleicht haben Sie schon Dinge gesagt, die Ihnen heute noch leidtun

Nach einer langen Nacht kann ein Satz fallen, den man nie sagen wollte.

Vielleicht haben Sie laut gesagt, dass jetzt Schluss sein müsse. Vielleicht haben Sie Ihre Mutter schärfer angesprochen. Vielleicht haben Sie etwas weggenommen, weil Sie einfach keine Kraft mehr hatten, zum fünften Mal dieselbe Schublade einzuräumen.

Hinterher wissen Sie genau, dass Ihr Angehöriger nicht absichtlich so gehandelt hat.

Und gerade deshalb tut es weh.

Aber auch Sie haben in diesem Moment nicht absichtlich Ihre Geduld verloren.

Sie waren müde.

Vielleicht völlig übermüdet.

Vielleicht schon seit Monaten in einer Verantwortung, die niemals wirklich endet.

Es hilft niemandem, daraus eine moralische Frage zu machen.

Viel hilfreicher ist die ehrliche Frage, wie lange ein Mensch diese Belastung noch tragen kann und wo Entlastung möglich ist, bevor aus Überforderung Verzweiflung wird.

Ein neuer Blick macht die Nächte nicht automatisch ruhig

Ich möchte Angehörigen an dieser Stelle nichts versprechen, was nicht stimmt.

Wenn Sie verstehen, warum Ihre Mutter nachts den Tisch deckt, wird sie deshalb nicht zwangsläufig damit aufhören.

Wenn Sie begreifen, warum Ihr Mann immer wieder die Tür kontrolliert, kann er trotzdem zehn Minuten später erneut davorstehen.

Psychologisches Verständnis ist kein Schalter.

Aber es kann etwas anderes verändern: die Beziehung zu dem Verhalten.

Es macht einen Unterschied, ob man denkt: „Warum macht sie das schon wieder?“, oder ob man irgendwann erkennen kann: „Das war einmal ein wichtiger Teil ihres Lebens.“

Der Aufwand bleibt.

Die Müdigkeit bleibt möglicherweise ebenfalls.

Aber der Mensch verschwindet nicht mehr vollständig hinter dem Problem.

Und genau das halte ich für entscheidend.

Denn Demenz führt im Alltag leicht dazu, dass wir irgendwann fast nur noch sehen, was nicht funktioniert. Der Mensch isst nicht richtig, schläft nicht, räumt Dinge weg, läuft umher, fragt immer dasselbe, findet das Badezimmer nicht oder braucht Hilfe.

So kann sich die Krankheit langsam vor die ganze Person schieben.

Bis eines Nachts eine alte Frau in der Küche steht und mit großer Sorgfalt sechs Tassen auf den Tisch stellt.

Man könnte nur sehen, dass es zwei Uhr morgens ist und anschließend alles wieder weggeräumt werden muss.

Oder man kennt ihre Geschichte.

Vielleicht war ihr Tisch früher selten leer.

Vielleicht kamen Kinder, Verwandte oder Freunde. Vielleicht war ihre Art, Liebe zu zeigen, nie das große Gespräch. Vielleicht zeigte sie sie, indem sie etwas zu essen hinstellte, eine Tasse Kaffee einschenkte und darauf achtete, dass niemand ging, ohne versorgt zu sein.

Dann stehen diese sechs Tassen plötzlich nicht einfach nur falsch auf dem Tisch.

Sie erzählen etwas von ihr.

Und vielleicht wird Ihnen in diesem Moment schmerzlich bewusst, dass diese Frau, die Ihnen inzwischen bei so vielem fremd geworden ist, in einer einzigen vertrauten Bewegung noch sehr deutlich zu erkennen sein kann.

Das kann weh tun.

Es kann aber auch trösten.

Wir müssen nicht jedes Verhalten romantisieren

Auch das gehört zu einem ehrlichen Umgang mit Demenz.

Nicht hinter jedem nächtlichen Tun steckt eine schöne Erinnerung. Ein Mensch kann Angst haben, Schmerzen, Harndrang oder körperliches Unwohlsein. Ein Infekt kann Unruhe erheblich verstärken, ebenso können Verstopfung oder Veränderungen bei Medikamenten eine Rolle spielen.

Wenn sich nächtliches Verhalten plötzlich neu zeigt oder auffällig verändert, sollte deshalb immer auch an körperliche Ursachen gedacht und gegebenenfalls ärztlich abgeklärt werden.

Biografie darf niemals dazu führen, Beschwerden zu übersehen.

Aber wenn körperlich nichts Neues erkennbar ist und bestimmte Handlungen immer wiederkehren, lohnt sich die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte umso mehr.

Nicht mit der Frage: Welche schöne Bedeutung können wir diesem Verhalten geben?

Sondern viel schlichter:

Kenne ich diesen Menschen eigentlich gut genug, um zu verstehen, warum gerade diese Handlung für ihn so vertraut sein könnte?

Das kann eine Tochter manchmal beantworten.

Ein Ehepartner vielleicht sofort.

Manchmal hilft ein altes Fotoalbum.

Manchmal ein Gespräch mit Geschwistern.

Und manchmal fällt einem plötzlich etwas ein, das man seit Jahrzehnten nicht mehr bedacht hat.

Vielleicht verändert sich dadurch auch etwas in uns

Es gibt Angehörige, die mir erzählen, dass sie irgendwann nur noch die Demenz gesehen haben.

Das ist kein Vorwurf. Wenn der Alltag aus Pflege, Vorsicht, Organisation und Wiederholungen besteht, passiert das beinahe von selbst.

Aber ein Mensch war sechzig, siebzig oder achtzig Jahre lang jemand, bevor diese Erkrankung immer mehr Raum bekam.

Er hatte Eigenheiten.

Rituale.

Verantwortungen.

Menschen, die ihm wichtig waren.

Dinge, auf die er stolz war.

Dinge, vor denen er sich fürchtete.

Bestimmte Arten, Zuneigung zu zeigen.

Und manches davon bleibt erstaunlich lange erhalten, nur nicht mehr in einer Form, die wir sofort erkennen.

Vielleicht sehen Sie Ihre Mutter eines Nachts beim sorgfältigen Zusammenlegen eines Geschirrtuchs und erinnern sich plötzlich daran, wie ordentlich ihre Küche früher immer war.

Vielleicht beobachten Sie Ihren Mann, wie er zum wiederholten Mal die Haustür prüft, und denken zum ersten Mal seit Langem daran, dass er vierzig Jahre lang jeden Abend als Letzter durchs Haus gegangen ist und darauf geachtet hat, dass seine Familie sicher war.

Dann ist der Mensch für einen kleinen Augenblick wieder größer als seine Demenz.

Diese Augenblicke sind kostbar.

Nicht weil sie die Krankheit schöner machen. Demenz ist nicht schön.

Sondern weil sie uns daran erinnern, dass ein Mensch mehr ist als das, was ihm gerade nicht mehr gelingt.

Und vielleicht hilft genau dieses Wissen in der nächsten schwierigen Nacht ein kleines bisschen.

Nicht unbedingt beim Schlafen.

Aber beim Verstehen.

Wenn Ihre Mutter wieder in der Küche steht, müssen Sie nicht alles laufen lassen. Sie dürfen sie schützen, begrenzen und zurück ins Bett begleiten. Sie dürfen auch erschöpft sein und sich wünschen, sie würde endlich schlafen.

Doch vielleicht schauen Sie einen Moment länger auf ihre Hände.

Auf die Selbstverständlichkeit, mit der sie eine Tasse an den richtigen Platz stellt.

Und vielleicht erkennen Sie darin etwas, das Ihnen sehr vertraut ist.

Dann sehen Sie für diesen kurzen Moment nicht nur eine alte Frau, die nachts Dinge tut, die keinen Sinn mehr zu ergeben scheinen.

Sie sehen Ihre Mutter.

Mit ihrer Geschichte.

Mit ihrer Art, für andere zu sorgen.

Mit einem Stück ihres früheren Lebens, das irgendwo in ihr noch immer einen Weg nach draußen findet.

Und während Sie ihr später vielleicht zurück ins Bett helfen, wissen Sie zumindest eines ein wenig besser als vorher:

Sie ist Ihnen nicht in allem verloren gegangen.

Manches von ihr ist noch da.

Wir müssen nur manchmal lernen, es an anderen Stellen zu erkennen.

 

Herzlichst Ihre

Elke Hanak

Elkine-Seniorenbetreuung

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