Für viele Angehörige gehört es zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Verlauf einer Demenz, wenn etwas verloren geht, das über Jahrzehnte vollkommen selbstverständlich war: körperliche Nähe. Die Hand, die man früher im Vorbeigehen genommen hat, wird plötzlich weggezogen. Eine Umarmung, die immer Trost bedeutet hat, wird abgewehrt. Der Ehemann beugt sich zu seiner Frau, möchte ihr einen Kuss geben, und sie dreht den Kopf weg oder schaut ihn an, als käme ihr jemand zu nahe. Eine Tochter legt der Mutter liebevoll die Hand auf den Arm und hört plötzlich ein scharfes „Lass das“. Solche Momente gehen tief, weil Berührung innerhalb einer Familie nie nur eine Bewegung ist. Sie trägt gemeinsame Geschichte in sich. Ein Kuss, eine Hand auf der Schulter, eine Umarmung oder das selbstverständliche Händchenhalten stehen für Vertrautheit, Zugehörigkeit, Schutz und oft für eine Form von Liebe, die gar keine Worte braucht.
Wenn genau diese Nähe plötzlich nicht mehr zugelassen wird, fragen sich Angehörige sehr schnell, ob auch die Beziehung selbst verloren geht. Erkennt mein Mann mich nicht mehr? Ist meine Mutter mir gegenüber fremd geworden? Bin ich ihr unangenehm? Ist das, was uns früher verbunden hat, nicht mehr da? Ich habe solche Fragen in vielen Familien erlebt, und ich weiß, wie viel Schmerz darin steckt. Gerade langjährige Ehepartner trifft die Veränderung oft besonders hart, weil körperliche Nähe vielleicht über Jahrzehnte ein stiller Teil des gemeinsamen Lebens war. Dass jemand diese Form der Vertrautheit auf einmal ablehnt, fühlt sich deshalb zunächst nicht wie ein Symptom an, sondern wie eine persönliche Zurückweisung.
Genau hier lohnt es sich, sehr vorsichtig mit der eigenen Deutung zu sein. Eine demenzbedingte Abwehr von Berührung kann viele Ursachen haben, und sie bedeutet nicht automatisch, dass Liebe, Bindung oder Vertrautheit verschwunden sind. Demenz verändert nicht nur Erinnerungen, sondern auch die Fähigkeit, Menschen, Situationen und körperliche Reize richtig einzuordnen. Ein Gesicht kann vertraut wirken und trotzdem nicht mehr sicher als Ehemann, Tochter oder Sohn erkannt werden. Eine Hand, die sich nähert, wird vielleicht gesehen, aber der Zusammenhang fehlt. Für einen gesunden Menschen erfolgt diese Einordnung innerhalb eines Augenblicks. Wir wissen, wer vor uns steht, welche Beziehung wir zu dieser Person haben und ob eine Berührung in dieser Situation normal ist. Bei Demenz kann genau diese Selbstverständlichkeit brüchig werden.
Wenn man sich das für einen Moment aus Sicht des Erkrankten vorstellt, verändert sich vieles. Jemand kommt auf Sie zu, greift nach Ihrer Hand, berührt Ihren Arm oder möchte Sie umarmen, während Sie selbst nicht mehr sicher wissen, wer diese Person ist oder weshalb sie Ihnen so nahekommt. Vielleicht kennen Sie das Gesicht irgendwie, aber die Zuordnung gelingt nicht mehr zuverlässig. Vielleicht erleben Sie die Situation nur als Nähe ohne Erklärung. Dann wäre es nur menschlich, zurückzuweichen, die Hand wegzuziehen oder sich zu schützen. Genau deshalb sehe ich körperliche Abwehr bei Demenz zunächst nicht als Ablehnung der gemeinsamen Geschichte, sondern oft als Reaktion auf eine Situation, die für den Betroffenen nicht mehr selbstverständlich lesbar ist.
Für Angehörige ist dieser Perspektivwechsel wichtig, weil er den Schmerz nicht wegnehmen muss, aber die Bedeutung der Reaktion verändert. Natürlich darf es einen Ehemann traurig machen, wenn seine Frau keinen Kuss mehr möchte. Natürlich darf eine Tochter verletzt sein, wenn die Mutter eine vertraute Umarmung abwehrt. Es wäre zu einfach, ihnen zu sagen, sie sollten das nicht persönlich nehmen. Eine enge Beziehung ist persönlich, und gerade deshalb tut die Veränderung weh. Hilfreicher ist es, zu verstehen, dass ein Nein bei Demenz häufig nicht dieselbe Aussage hat wie bei einem gesunden Menschen. Es kann heißen: Ich erkenne diese Situation gerade nicht. Es kann heißen: Mir ist das zu viel. Es kann heißen: Ich habe Angst. Oder schlicht: Diese Berührung fühlt sich im Moment unangenehm an.
Manchmal liegt die Ursache tatsächlich in der veränderten Orientierung, manchmal aber auch ganz woanders. Berührung kann plötzlich unangenehm sein, weil ein Mensch Schmerzen hat, die er nicht mehr klar benennen kann. Eine Hand auf der Schulter tut vielleicht weh, weil dort Arthrose, eine alte Verletzung oder eine Druckstelle besteht. Eine Umarmung kann bei empfindlichen Rippen unangenehm sein, das Anheben eines Arms kann Schmerzen verursachen und das Berühren des Kopfes kann stören, wenn dort eine druckempfindliche Stelle oder Kopfschmerzen bestehen. Gerade bei Menschen mit Demenz wird Abwehr schnell der Erkrankung zugeschrieben, obwohl ein sehr konkretes körperliches Problem dahinterstehen kann.
Deshalb würde ich bei einer neu auftretenden oder deutlich zunehmenden Abwehr immer genauer hinsehen. Reagiert der Mensch nur an einer bestimmten Körperstelle? Verzieht er das Gesicht? Tritt die Abwehr immer beim Anziehen, Waschen oder Umlagern auf? Gab es einen Sturz? Hat sich die Beweglichkeit verändert? Ist eine Stelle gerötet oder geschwollen? Solche Beobachtungen sind wichtig, weil ein Mensch mit Demenz Schmerzen nicht immer zuverlässig lokalisieren oder sprachlich ausdrücken kann. Was wie „Ich will nicht“ aussieht, kann in Wirklichkeit bedeuten: „Das tut mir weh.“
Auch die Art, wie eine Berührung entsteht, macht einen großen Unterschied. Angehörige berühren vertraute Menschen oft ganz selbstverständlich. Man geht von hinten an der Mutter vorbei und legt ihr kurz die Hand auf die Schulter. Man greift nach dem Arm des Vaters, weil man ihm beim Aufstehen helfen möchte. Man streicht der Ehefrau im Vorbeigehen über den Rücken. Für einen gut orientierten Menschen sind solche Gesten normal. Bei Demenz kann eine unerwartete Berührung von hinten jedoch erschrecken, weil die sich nähernde Person nicht gesehen wurde und der Körper die Berührung nicht schnell genug einordnen kann.
Im Alltag hilft deshalb häufig eine ganz einfache Veränderung: Berührung wird angekündigt und sichtbar gemacht. Ich würde mich möglichst von vorn oder leicht seitlich nähern, zunächst Blickkontakt suchen und einen Moment warten, bevor ich jemanden anfasse. Statt kommentarlos nach der Hand zu greifen, kann man ruhig sagen: „Ich nehme jetzt deine Hand“ oder „Ich helfe dir gleich beim Aufstehen.“ Das klingt selbstverständlich, gibt dem Menschen aber einen kleinen Moment, in dem sich Wahrnehmung und Handlung miteinander verbinden können.
Ebenso wichtig ist es, nicht einfach weiterzumachen, wenn der Körper bereits deutlich zeigt, dass Nähe gerade nicht gewünscht wird. Ein zurückgezogener Arm, ein angespanntes Gesicht, ein Wegdrehen oder ein deutliches Nein sind Kommunikation. Auch wenn die Sprache schwächer wird, bleibt das Recht auf körperliche Grenzen bestehen. Pflegebedürftigkeit hebt dieses Recht nicht auf.
Gerade bei der Körperpflege zeigt sich das besonders deutlich. Viele Angehörige erleben, dass Waschen, Anziehen oder Eincremen plötzlich zu Situationen werden, in denen der Mensch abwehrend reagiert. Dabei sollte man sich bewusst machen, wie intim solche Handlungen eigentlich sind. Ein Mensch wird ausgezogen, berührt, gewaschen oder an Stellen unterstützt, die er sein Leben lang selbst versorgt hat. Wenn der Zusammenhang nicht mehr vollständig verstanden wird, kann sich notwendige Hilfe wie ein Eindringen in die eigene Intimsphäre anfühlen.
Eine Tochter sieht vielleicht nur, dass die Bluse gewechselt werden muss. Die Mutter erlebt möglicherweise, dass jemand ihre Kleidung öffnet, ohne dass sie versteht, weshalb. Ein Sohn möchte seinem Vater beim Toilettengang helfen, während der Vater die Situation nicht richtig einordnen kann und nur merkt, dass jemand sehr nah an seinen Körper kommt. In solchen Momenten kann Abwehr eine sehr verständliche Reaktion sein.
Das Tempo spielt dabei eine große Rolle. Wenn gleichzeitig erklärt, angefasst, ausgezogen und der nächste Schritt angekündigt wird, kann das bei einem Menschen mit Demenz schnell zu viel sein. Häufig ist es besser, wirklich nur einen Schritt nach dem anderen zu machen, eine Reaktion abzuwarten und sich danach weiterzubewegen. Wenn eine Situation kippt und keine akute Notwendigkeit besteht, kann es sinnvoller sein, kurz zu unterbrechen und später einen neuen Versuch zu machen, statt eine Handlung gegen zunehmenden Widerstand durchzusetzen.
Gerade Scham wird dabei häufig unterschätzt. Ein Mensch kann seine Lebensgeschichte teilweise vergessen und trotzdem tief verankerte Grenzen bewahren. Eine Mutter, die sich ihr Leben lang nicht vor ihrer erwachsenen Tochter ausgezogen hätte, kann auch mit Demenz noch Unbehagen empfinden, wenn diese Tochter plötzlich intime Pflege übernehmen soll. Ein Vater lässt vielleicht eine Betreuungskraft näher an sich heran als den eigenen Sohn. Angehörige erleben das manchmal als Zurückweisung und fragen sich, warum eine fremdere Person etwas darf, was ihnen selbst nicht mehr erlaubt wird. Häufig hat das jedoch weniger mit Nähe oder Vertrauen zu tun als mit den alten Rollen innerhalb der Familie. Die Tochter bleibt innerlich Tochter, der Sohn Sohn, und gerade deshalb kann die intime Situation schwerer sein.
Ich habe oft erlebt, dass Familien erleichtert waren, wenn sie verstanden haben, dass Hilfe durch eine andere Person nicht automatisch mehr Fremdheit bedeutet. Manchmal ist gerade die klarere Rolle einer Betreuungsperson entlastend. Sie ist in diesem Moment diejenige, die hilft, während innerhalb der Familie viele andere Gefühle und Erinnerungen mitschwingen. Wenn eine vertraute Betreuungskraft bestimmte körpernahe Aufgaben übernehmen kann, kann das nicht nur den Alltag vereinfachen, sondern auch die Beziehung zwischen Angehörigen schützen.
Neben Scham und Orientierung verändert sich bei manchen Menschen auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Berührungen können intensiver oder unangenehmer erlebt werden, Temperatur kann schwerer eingeordnet werden und selbst Wasser beim Duschen kann plötzlich bedrohlich wirken. Ein Badezimmer ist außerdem oft ein Raum mit vielen gleichzeitig wirkenden Reizen. Wasser rauscht, Fliesen hallen, Kleidung wird ausgezogen, der Körper kühlt schnell aus und jemand kommt sehr nah. Wenn ein Mensch diese Vielzahl an Eindrücken nicht mehr gut ordnen kann, kann aus einer Routinehandlung eine Situation entstehen, die er als überfordernd oder sogar bedrohlich erlebt.
Deshalb lohnt sich immer ein Blick auf die gesamte Umgebung. Ist der Raum angenehm warm? Läuft das Wasser schon, bevor der Mensch versteht, was geschieht? Sind mehrere Personen gleichzeitig anwesend? Besteht Zeitdruck? Ist der Mensch müde, hungrig oder ohnehin schon angespannt? Häufig liegt die Ursache der Abwehr nicht in einem einzigen Punkt, sondern in der Summe mehrerer Belastungen.
Wenn sich bestimmte Situationen regelmäßig wiederholen, kann ein kleines Beobachtungsprotokoll hilfreich sein. Es muss überhaupt nicht kompliziert sein. Es reicht oft, sich zu notieren, wann die Abwehr auftritt, bei welcher Handlung, zu welcher Tageszeit und unter welchen Umständen. Vielleicht zeigt sich, dass die Körperpflege morgens deutlich besser funktioniert als am Abend. Vielleicht ist eine bestimmte Person besonders gut akzeptiert. Vielleicht reagiert der Mensch immer dann empfindlicher, wenn vorher wenig geschlafen wurde oder der Tag bereits sehr unruhig war. Solche Beobachtungen helfen dabei, die Betreuung stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen des Menschen auszurichten.
Auch Hör- und Sehvermögen spielen eine Rolle. Wer eine Person schlecht sieht, erkennt möglicherweise nicht, wer sich nähert. Wer eine Ankündigung nicht hört, erlebt die anschließende Berührung überraschend. Funktionierende Brille und Hörgeräte können deshalb viel mehr sein als technische Hilfsmittel. Sie helfen einem Menschen, seine Umgebung besser zu verstehen und können dadurch auch dazu beitragen, dass Nähe weniger bedrohlich wirkt.
Wenn die Abwehr neu auftritt oder sich deutlich verstärkt, sollte außerdem immer medizinisch mitgedacht werden. Schmerzen, Infektionen, Hautveränderungen, Medikamentennebenwirkungen oder ein akuter Verwirrtheitszustand können die Reaktion auf Berührung verändern. Gerade weil Menschen mit Demenz Beschwerden nicht immer gut benennen können, sollte eine deutliche Veränderung nicht einfach unter „das gehört jetzt zur Demenz“ abgelegt werden.
Neben all diesen fachlichen Überlegungen bleibt aber die emotionale Seite, und die ist für Angehörige oft mindestens genauso schwer. Was geschieht mit einer Beziehung, wenn eine Form von körperlicher Nähe, die jahrzehntelang selbstverständlich war, nicht mehr funktioniert? Für einen Ehepartner kann das tief einsam machen. Vielleicht gab es jeden Morgen einen Kuss und abends das selbstverständliche Händchenhalten. Vielleicht wurde Trost nie mit vielen Worten ausgesprochen, sondern durch eine Umarmung. Erst wenn diese Gesten verschwinden, merkt man, wie viel sie getragen haben.
Eine Frau kann neben ihrem Mann sitzen und sich trotzdem allein fühlen, weil er ihre Berührung nicht mehr zulässt. Ein Ehemann kann erleben, dass seine Frau nachts Abstand möchte, obwohl sie jahrzehntelang dicht nebeneinander geschlafen haben. Das ist ein wirklicher Verlust, und ich finde, man sollte ihn auch so benennen dürfen. Es hilft Angehörigen wenig, wenn man nur sagt, der Erkrankte könne nichts dafür. Natürlich kann er nichts dafür, aber die Veränderung bleibt trotzdem schmerzhaft.
Angehörige dürfen diese frühere Nähe vermissen, ohne sich schuldig zu fühlen. Sie dürfen eine Umarmung vermissen, einen Kuss oder die Hand, die früher selbstverständlich nach der eigenen gesucht hat. Diese Trauer bedeutet nicht, dass der Mensch von heute weniger geliebt wird. Sie bedeutet lediglich, dass etwas verloren gegangen ist, das über viele Jahre zur Beziehung gehört hat.
Gleichzeitig kann sich Nähe verändern. Vielleicht wird die Umarmung nicht mehr toleriert, gemeinsames Sitzen aber schon. Vielleicht möchte die Mutter nicht an der Hand gehalten werden, hört aber gern zu, wenn die Tochter etwas erzählt. Vielleicht lehnt der Ehemann einen Kuss ab, wird aber ruhiger, wenn seine Frau im selben Raum bleibt. Solche Veränderungen wirken zunächst oft wie ein schwacher Ersatz für die frühere Vertrautheit, können aber eine neue Form von Beziehung werden, wenn man sie nicht ständig an dem misst, was früher möglich war.
Auch Berührung kann in anderer Form wieder entstehen. Vielleicht ist eine Umarmung zu intensiv, während eine kurz angebotene Hand angenommen wird. Vielleicht ist ein sanftes Berühren des Unterarms angenehm, wenn es angekündigt wird. Vielleicht möchte der Mensch selbst entscheiden, wann Nähe beginnt. Genau deshalb finde ich es hilfreich, Berührung eher anzubieten als einfach zu nehmen. Man kann die eigene Hand sichtbar hinlegen und warten, ob der andere sie ergreift. Man kann sich daneben setzen, ohne sofort körperliche Nähe herzustellen. Man kann fragen, ob Berührung angenehm ist, und dabei auch auf die Körpersprache achten, wenn eine verbale Antwort nicht mehr zuverlässig möglich ist.
Für Angehörige ist dieses Warten manchmal ungewohnt, weil jahrzehntelange Vertrautheit bisher bedeutete, dass keine ausdrückliche Erlaubnis nötig war. Gerade darin liegt aber heute ein besonderer Respekt. Die Beziehung ist noch da, doch die Art, in der sie gelebt werden kann, hat sich verändert.
Ein Nein sollte deshalb, soweit es möglich ist, auch als Nein gelten. Das heißt nicht, dass jede pflegerisch notwendige Handlung einfach entfallen kann. Aber freiwillige Zärtlichkeit darf nicht erzwungen werden. Eine Umarmung, die nur dem Angehörigen Trost gibt, während der Erkrankte sich darin gefangen oder bedroht fühlt, ist für beide Seiten keine gute Form von Nähe mehr.
Das ist schwer zu akzeptieren, besonders wenn Angehörige gerade durch die Berührung prüfen möchten, ob die frühere Verbindung noch vorhanden ist. Manche beginnen unbewusst, Nähe zu testen. Wird meine Hand noch gehalten? Kommt ein Kuss zurück? Erkennt er mich, wenn ich ihn umarme? Ich verstehe dieses Bedürfnis sehr gut, würde aber vorsichtig damit sein, Beziehung an solchen Reaktionen zu messen. Ein Mensch mit Demenz muss seine Liebe nicht beweisen, indem er eine bestimmte Geste erwidert.
Wir wissen bei fortgeschrittener Demenz ohnehin nicht immer genau, wie Gefühle innerlich erlebt werden. Es wäre zu einfach zu behaupten, Liebe bleibe immer vollkommen unverändert, genauso wie es falsch wäre zu sagen, sie sei verschwunden, sobald ein Mensch seine Frau oder Tochter nicht mehr eindeutig erkennt. Bindung, Erinnerung, emotionale Vertrautheit und körperliche Reaktionen sind sehr komplex. Manchmal zeigen sie sich an ganz anderen Stellen. Ein Mensch wird vielleicht ruhiger, wenn eine bestimmte Stimme im Raum ist. Er sucht die Nähe einer Person, deren Namen er nicht mehr nennen kann. Er reagiert auf einen vertrauten Geruch oder eine bestimmte Art zu sprechen. Solche kleinen Hinweise können darauf hindeuten, dass Vertrautheit auf einer anderen Ebene weiterbesteht.
Aber auch diese Zeichen sollten wir nicht zu einer Prüfung machen. Beziehung darf einfach da sein, ohne dass der erkrankte Mensch ständig zeigen muss, dass er sich erinnert.
Gerade langjährige Partner brauchen manchmal Unterstützung, um diese Veränderung innerlich zu verarbeiten. Körperliche Nähe ist für viele Beziehungen ein wichtiger Teil des gemeinsamen Lebens, und wenn sie wegfällt, kann echte Einsamkeit entstehen, obwohl beide weiterhin unter einem Dach leben. Darüber zu sprechen, ist kein Verrat an der Partnerschaft. Es kann sogar sehr entlastend sein, mit vertrauten Menschen, einer Beratungsstelle oder psychologischer Unterstützung über diesen Verlust zu sprechen, statt ihn still mit sich herumzutragen.
Auch Angehörige selbst dürfen Grenzen haben. Wenn die ständige Abwehr emotional sehr belastet oder körperliche Aggression hinzukommt, müssen sie nicht allein versuchen, jede Situation zu lösen. Eine verlässliche Betreuungsperson kann bestimmte Aufgaben übernehmen und dadurch beide Seiten entlasten. Gerade bei intimer Pflege kann es ein großer Gewinn sein, wenn jemand anderes Tätigkeiten übernimmt, die zwischen Eltern und Kindern oder innerhalb einer Partnerschaft immer wieder zu Konflikten geführt haben.
Ich habe erlebt, dass sich dadurch manchmal die ganze Beziehung verändert. Wenn eine Tochter nicht mehr jeden Morgen um Waschen und Anziehen kämpfen muss, kann sie am Nachmittag wieder einfach bei ihrer Mutter sitzen. Wenn ein Ehemann nicht jede intime Pflegesituation allein tragen muss, bleibt mehr Raum für die Form von Nähe, die seine Frau vielleicht noch zulässt. Entlastung ist dann nicht nur eine organisatorische Lösung, sondern kann etwas sehr Persönliches schützen.
Dabei sollte man immer bedenken, dass Reaktionen bei Demenz schwanken können. Ein Mensch kann heute eine Berührung ablehnen und morgen dieselbe Hand gern halten. Müdigkeit, Schmerzen, Stimmung, Tageszeit und Umgebung spielen dabei eine Rolle. Ein Nein heute bedeutet deshalb nicht automatisch, dass körperliche Nähe für immer verschwunden ist. Gleichzeitig darf ein Ja von gestern niemals dazu benutzt werden, ein Nein von heute zu übergehen.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Aufgaben für Angehörige: nicht ständig mit früher zu vergleichen, sondern immer wieder neu zu fragen, was heute möglich ist. Der Satz „Aber gestern ging das doch“ hilft einem Menschen wenig, dessen Wahrnehmung sich von Tag zu Tag verändern kann. Viel hilfreicher ist die Haltung, dass auch Beziehung beweglich sein darf.
Wenn ich mit Angehörigen am Küchentisch über dieses Thema sprechen würde, wäre mir vor allem wichtig, ihnen eine große Sorge zu nehmen. Wenn Ihr Partner Ihre Hand nicht mehr halten möchte, bedeutet das nicht automatisch, dass fünfzig gemeinsame Jahre aus seinem Inneren verschwunden sind. Wenn Ihre Mutter eine Umarmung abwehrt, ist das kein Urteil über Ihre Liebe oder Ihre Fürsorge. Die Erkrankung verändert Wahrnehmung, Körpergefühl, Orientierung und manchmal auch die Art, wie Nähe ausgehalten werden kann. Das darf Sie traurig machen, ohne dass Sie daraus schließen müssen, dass Ihre Beziehung bedeutungslos geworden ist.
Vielleicht besteht Liebe in dieser Phase manchmal sogar darin, einen Schritt zurückzugehen. Nicht, weil man weniger Nähe möchte, sondern weil man respektiert, was der andere gerade tragen kann. Man bleibt im Raum, ohne zu drängen. Man bietet eine Hand an, statt sie festzuhalten. Man wartet ab, ob eine Berührung erwidert wird, und akzeptiert auch einen Moment, in dem sie nicht gewünscht ist. Genau darin kann eine sehr tiefe Form von Respekt liegen.
Demenz verändert Beziehungen und manchmal auch die Sprache, in der Nähe stattfindet. Aus einer Umarmung wird vielleicht gemeinsames Sitzen, aus einem Kuss eine vertraute Stimme, aus dem Händchenhalten die Gewissheit, dass jemand bleibt. Diese Veränderungen müssen nicht schöngeredet werden. Sie können weh tun und ein Gefühl von Verlust auslösen. Trotzdem können sie eine neue Form von Verbindung ermöglichen, wenn Angehörige sich erlauben, Nähe nicht ausschließlich dort zu suchen, wo sie früher stattgefunden hat.
Nach 25 Jahren mit Senioren und ihren Familien habe ich gelernt, dass Würde oft gerade in solchen kleinen Anpassungen sichtbar wird. Ein Mensch mit Demenz hat nicht nur ein Recht darauf, gut versorgt zu werden, sondern auch darauf, dass seine körperlichen Grenzen weiterhin ernst genommen werden. Gleichzeitig hat der Angehörige ein Recht darauf, den Verlust der früheren Nähe zu betrauern und Unterstützung zu bekommen, wenn diese Veränderung schwer zu tragen ist.
Wenn wir beides zusammenhalten, entsteht eine Begleitung, die nicht nur pflegerisch korrekt, sondern menschlich ist. Wir nehmen die Abwehr ernst, ohne sie vorschnell als Ablehnung zu deuten. Wir prüfen körperliche Ursachen, gestalten Berührung langsamer und verständlicher, respektieren Grenzen und bleiben offen für andere Formen von Nähe. Und wir verlieren dabei den Angehörigen nicht aus dem Blick, der vielleicht selbst um etwas trauert, das für ihn jahrzehntelang selbstverständlich war.
Gerade darin liegt für mich die besondere Herausforderung, aber auch die besondere Menschlichkeit in der Demenzbetreuung. Wir können einen Menschen nicht zwingen, uns noch auf dieselbe Weise nahe zu sein wie früher. Wir können ihm aber so begegnen, dass er sich in unserer Nähe möglichst sicher fühlt, und wir können lernen, Beziehung auch dort wahrzunehmen, wo sie sich verändert hat. Vielleicht ist das am Ende die liebevollste Form von Nähe: nicht festzuhalten, was einmal war, sondern aufmerksam genug zu bleiben, um zu erkennen, was heute noch möglich ist.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung für Angehörige und ersetzt keine ärztliche, neurologische, psychiatrische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Neu auftretende oder deutlich zunehmende Abwehr von Berührung, Schmerzen, starke Unruhe, Aggressivität, ungewöhnliche Schläfrigkeit, plötzlich verstärkte Verwirrtheit oder andere auffällige Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Hinter einer veränderten Reaktion auf Berührung können neben der Demenzerkrankung auch behandelbare Ursachen wie Schmerzen, Verletzungen, Hautveränderungen, Infektionen, Medikamentennebenwirkungen, Hör- oder Sehprobleme oder ein akuter Verwirrtheitszustand stehen. Medikamente dürfen nicht eigenständig begonnen, verändert oder abgesetzt werden.