Delir im Alter – wenn ein vertrauter Mensch plötzlich ganz anders ist

Delir im Alter verstehen – Ursachen, Symptome, Tests, Behandlung und Hilfe für Angehörige

Oft bekomme ich Anrufe von völlig verzweifelten Angehörigen, deren Mutter, Vater oder Lebensgefährte sich innerhalb kurzer Zeit so verändert hat, dass sie den vertrauten Menschen kaum wiedererkennen. Dann höre ich Sätze wie: „Frau Hanak, gestern hat meine Mutter noch ganz normal mit mir gesprochen und heute weiß sie plötzlich nicht mehr, wer ich bin.“ Andere erzählen mir, dass der Vater seit seinem Krankenhausaufenthalt völlig durcheinander sei, plötzlich Dinge sehe, die nicht vorhanden sind, nachts unbedingt aufstehen wolle oder so schläfrig geworden sei, dass die Familie kaum noch zu ihm durchdringt.

Meine erste Frage ist in solchen Gesprächen fast immer, ob in den letzten Tagen etwas Akutes vorgefallen ist. War der Angehörige im Krankenhaus, gab es einen Sturz, eine Operation, einen Infekt oder eine andere plötzliche gesundheitliche Veränderung? Manchmal kommt die Antwort sofort: „Ja, meine Mutter wurde vor drei Tagen operiert.“ Ein anderes Mal erfahre ich, dass der Vater wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kam oder nach einem Sturz aufgenommen wurde und die Familie seitdem das Gefühl hat, einen völlig anderen Menschen vor sich zu haben.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, denn wenn sich ein älterer Mensch innerhalb weniger Stunden oder Tage so deutlich verändert, muss man nicht automatisch davon ausgehen, dass plötzlich eine Demenz entstanden ist. Es kann sich um ein Delir handeln – einen akut auftretenden Verwirrtheitszustand, bei dem das Gehirn vorübergehend nicht mehr so zuverlässig arbeitet wie zuvor. Aufmerksamkeit, Orientierung, Gedächtnis, Wahrnehmung, Wachheit und auch der Tag Nacht Rhythmus können betroffen sein. Gerade ältere, gebrechliche Menschen und Menschen mit einer bereits bestehenden Demenz sind besonders gefährdet.

Viele Angehörige hören das Wort Delir zum ersten Mal in einer Situation, in der sie ohnehin schon verängstigt sind. Ein medizinischer Begriff hilft ihnen in diesem Augenblick wenig. Sie möchten verstehen, was mit ihrem Menschen geschieht. Sie möchten wissen, warum die eigene Mutter plötzlich so fremd wirkt, ob der Vater wieder klarer werden kann, was Ärzte überhaupt untersuchen und ob sie selbst etwas tun können. Genau diese Fragen möchte ich hier beantworten.

Dieser Artikel soll Ihnen dabei helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und bei Gesprächen mit Ärzten gezielter nachfragen zu können. Er ersetzt selbstverständlich keinen Arztbesuch, keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Wenn ein Mensch plötzlich deutlich verwirrt ist oder sich sein geistiger Zustand innerhalb kurzer Zeit stark verändert, sollte das medizinisch abgeklärt werden. Ein Delir ist keine harmlose Alterserscheinung, sondern kann ein Hinweis darauf sein, dass im Körper etwas akut aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Warum ein Delir einen Menschen so fremd erscheinen lassen kann

Versuchen Sie einmal, sich die Situation nicht nur von außen anzusehen, sondern für einen Augenblick mit den Augen des betroffenen Menschen.

Ihre Mutter liegt vielleicht nach einer Operation in einem Krankenhauszimmer. Sie hat Schmerzen, schlecht geschlafen und ist körperlich geschwächt. Ihre Brille liegt im Nachttisch, das Hörgerät wurde für die Nacht herausgenommen. Beim Aufwachen weiß sie nicht mehr genau, wo sie sich befindet. Auf dem Flur werden Türen geöffnet, Geräte piepen, Stimmen sind zu hören, fremde Menschen kommen in das Zimmer und berühren sie.

Sie wissen, dass eine Pflegekraft nach Ihrer Mutter sieht. Ihre Mutter weiß es in diesem Augenblick vielleicht nicht.

Wenn sie plötzlich die Hand wegzieht, sich wehrt, laut wird oder unbedingt nach Hause möchte, wirkt das von außen schnell wie unvernünftiges oder schwieriges Verhalten. Für Ihre Mutter kann die Situation aber tatsächlich bedrohlich sein. Ihr Gehirn schafft es gerade nicht, all diese Eindrücke richtig einzuordnen.

Genau dieser Blick auf den Menschen ist mir wichtig. Wer ein Delir hat, beschließt nicht, schwierig zu sein. Er kann seine Umgebung für eine Zeit vollkommen anders erleben als wir.

Manche Menschen sehen Personen oder Gegenstände, die für andere nicht vorhanden sind. Andere entwickeln ein starkes Misstrauen oder glauben, sie müssten dringend irgendwohin. Wieder andere werden gar nicht unruhig, sondern ungewöhnlich still. Sie schlafen fast den ganzen Tag, antworten nur langsam und wirken, als seien sie innerlich weit weg. Diese stille Form nennt man ein hypoaktives Delir. Gerade sie kann leichter übersehen werden, weil der Mensch niemanden stört.

Wenn eine Tochter dann sagt: „Meine Mutter schläft normalerweise niemals so viel, irgendetwas stimmt nicht“, sollte man auch dieser Beobachtung Aufmerksamkeit schenken. Nicht nur Unruhe kann auf ein Delir hinweisen. Entscheidend ist die deutliche Veränderung gegenüber dem Zustand, den die Familie kennt.

Delir oder Demenz – warum dieser Unterschied so wichtig ist

Die Frage „Ist das jetzt Demenz?“ höre ich sehr oft. Sie ist verständlich, denn Verwirrtheit, Orientierungsprobleme und Gedächtnisstörungen können bei beiden vorkommen.

Ein wichtiger Unterschied liegt jedoch darin, wie schnell sich ein Mensch verändert.

Eine Demenz entwickelt sich normalerweise über einen längeren Zeitraum. Im Rückblick fällt der Familie vielleicht auf, dass in den vergangenen Monaten immer häufiger etwas vergessen wurde, vertraute Abläufe schwieriger wurden oder sich dieselben Fragen wiederholten. Die Veränderungen schleichen sich häufig langsam in den Alltag ein.

Ein Delir entsteht dagegen typischerweise innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen. Der Satz „Gestern war meine Mutter noch ganz anders“ ist deshalb ausgesprochen wichtig.

Hinzu kommt, dass ein Delir sehr stark schwanken kann. Am Vormittag führt der Vater vielleicht ein erstaunlich klares Gespräch, am Nachmittag weiß er kaum noch, wo er ist, und am Abend wirkt er wieder etwas besser. Für Angehörige ist dieses Auf und Ab emotional schwer auszuhalten. Ein klarer Moment macht Hoffnung, wenige Stunden später kommt die Angst zurück.

Gerade diese Schwankungen gehören jedoch zum typischen Bild eines Delirs.

Eine Demenz schützt übrigens nicht vor einem Delir. Im Gegenteil: Menschen mit einer bestehenden Demenz gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen. Wenn sich also ein bereits dementer Mensch plötzlich innerhalb kurzer Zeit erheblich verändert, sollte man nicht vorschnell alles auf seine Demenz schieben. Auch dann kann zusätzlich ein Delir entstanden sein.

Und hier haben Angehörige etwas, das ein Arzt bei der ersten Begegnung noch gar nicht haben kann: Sie kennen diesen Menschen.

Sie wissen, wie aufmerksam Ihr Vater normalerweise ist, wie Ihre Mutter spricht, was sie sich merken kann und welche Eigenheiten zu ihr gehören. Wenn Sie sagen: „So kenne ich meine Mutter nicht“, ist das keine nebensächliche Bemerkung, sondern kann für die medizinische Einschätzung sehr wertvoll sein.

Warum bekommt ein älterer Mensch ein Delir?

Gerade im hohen Alter gibt es häufig nicht nur einen einzigen Grund.

Ein Mensch kann mit vielen Einschränkungen lange erstaunlich gut zurechtkommen. Vielleicht hört er schlechter, die Nieren arbeiten nicht mehr ganz so gut, er nimmt mehrere Medikamente, bewegt sich weniger und hat vielleicht bereits leichte Gedächtnisprobleme. In seiner gewohnten Umgebung funktioniert sein Alltag trotzdem.

Dann kommt eine neue Belastung hinzu: eine Operation, ein Infekt, ein Sturz, Schmerzen, Flüssigkeitsmangel, schlechter Schlaf oder ein neues Medikament. Manchmal kommen mehrere Dinge gleichzeitig zusammen.

Der Körper besitzt im hohen Alter häufig weniger Reserven, um solche Belastungen auszugleichen. Deshalb können Ereignisse, die bei einem jüngeren Menschen kaum Auswirkungen auf die geistige Verfassung hätten, bei einem sehr alten oder gebrechlichen Menschen ein Delir begünstigen. Zu den bekannten Auslösern und Risikofaktoren gehören unter anderem akute Erkrankungen, Operationen, Flüssigkeitsmangel, kognitive Einschränkungen beziehungsweise Demenz und Gebrechlichkeit.

Daneben können Schmerzen, Sauerstoffmangel, Veränderungen des Blutzuckers, Störungen bestimmter Salze im Blut, Medikamentenwirkungen, Probleme beim Wasserlassen oder auch eine ausgeprägte Verstopfung eine Rolle spielen.

Deshalb frage ich Angehörige nicht nur: „Wie verhält sich Ihre Mutter?“ Mich interessiert genauso: Was ist vorher passiert?

Manchmal liegt gerade in dieser Geschichte der entscheidende Hinweis.

Wie stellen Ärzte fest, ob es wirklich ein Delir ist?

Viele Angehörige erzählen mir, dass im Krankenhaus irgendwann gesagt wurde: „Wir haben einen Delirtest gemacht.“ Häufig wissen sie danach aber immer noch nicht, was eigentlich untersucht wurde.

Ein Delir lässt sich nicht durch einen einzigen Blutwert feststellen. Auch ein CT zeigt nicht einfach, ob jemand ein Delir hat. Zunächst geht es um das Verhalten und die geistige Verfassung des Menschen: Ist er normal wach? Kann er seine Aufmerksamkeit halten? Weiß er ungefähr, wo er sich befindet? Ist die Veränderung plötzlich entstanden? Schwankt der Zustand?

Dafür gibt es verschiedene standardisierte Verfahren. Ein häufig eingesetzter kurzer Test ist der 4AT. Er besteht aus vier Bereichen und kann in wenigen Minuten durchgeführt werden.

Zunächst wird beurteilt, wie wach und aufmerksam der Mensch wirkt. Danach werden vier einfache Orientierungsfragen gestellt: nach dem Alter, dem Geburtsdatum, dem Ort und dem aktuellen Jahr. Anschließend wird die Aufmerksamkeit geprüft. Dafür soll der Betroffene beispielsweise die Monate rückwärts nennen, beginnend mit Dezember.

Vielleicht wirkt diese Aufgabe auf Sie zunächst merkwürdig. Ihr Sinn ist aber gut nachvollziehbar. Wer die Monate rückwärts aufzählt, muss eine Anweisung verstehen, sie kurz im Gedächtnis behalten, sich konzentrieren und die Aufmerksamkeit bei der Aufgabe halten. Genau diese Fähigkeit kann bei einem Delir gestört sein.

Der vierte Bereich prüft, ob die Veränderung akut neu entstanden ist oder ob der Zustand deutlich schwankt. Hier wird die Beobachtung der Familie besonders wichtig, denn niemand kann besser sagen, ob ein Verhalten neu ist, als Menschen, die den Betroffenen gut kennen.

Der 4AT wird mit Punkten bewertet. Ein Wert von vier oder mehr Punkten spricht für ein mögliches Delir und sollte zu einer weiteren klinischen Beurteilung führen. Ein Testergebnis allein stellt aber noch keine endgültige Diagnose. Bei einem Wert von ein bis drei Punkten kann eine kognitive Einschränkung vorliegen, ohne dass damit automatisch ein Delir festgestellt ist. Auch ein unauffälliger Wert schließt ein Delir nicht in jeder Situation sicher aus.

Das ist gerade bei bereits dementen Menschen wichtig. Eine Mutter mit fortgeschrittener Demenz kann manche Orientierungsfragen auch an einem guten Tag nicht beantworten. Deshalb darf kein Test losgelöst von dem Menschen und seiner Vorgeschichte betrachtet werden.

Mit dem Test ist die wichtigste Frage noch nicht beantwortet

Wenn ein Delir vermutet wird, muss herausgefunden werden, warum es entstanden ist.

Dazu gehört eine gründliche körperliche Untersuchung und eine genaue Vorgeschichte. Hat der Betroffene Fieber? Schmerzen? Hat er wenig getrunken? Gab es einen Sturz? Wurde operiert? Hat sich ein Medikament verändert? Gab es Probleme beim Wasserlassen oder seit Tagen keinen Stuhlgang? Wie ist die Sauerstoffversorgung?

Angehörige halten manche dieser Beobachtungen für so alltäglich, dass sie sie gar nicht erwähnen. Ich würde lieber einmal zu viel erzählen als einmal zu wenig. Sie müssen nicht entscheiden, welche Information medizinisch bedeutsam ist.

Auch Blutuntersuchungen können helfen, mögliche Ursachen zu finden. Dabei sucht man nicht nach einem besonderen „Delirwert“. Entzündungswerte und das Blutbild können Hinweise auf eine Infektion liefern. Der Blutzucker wird kontrolliert, weil sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Werte die geistige Verfassung beeinflussen können.

Vielleicht hören Sie bei der Besprechung den Begriff Elektrolyte. Damit sind bestimmte Salze im Blut gemeint, zum Beispiel Natrium und Kalium. Sie sind für zahlreiche Funktionen des Körpers wichtig, auch für Nerven und Muskeln. Wenn diese Werte deutlich aus dem Gleichgewicht geraten, kann auch das Gehirn darauf reagieren.

Ebenso können die Nierenwerte von Bedeutung sein. Arbeiten die Nieren nicht mehr so gut wie früher, werden bestimmte Stoffe und manche Medikamente nicht mehr in der gewohnten Weise ausgeschieden.

Je nachdem, was der Arzt vermutet, können weitere Untersuchungen hinzukommen. Nicht jeder Mensch braucht jedes Untersuchungsverfahren. Entscheidend ist, dass nach einer plausiblen körperlichen Ursache gesucht wird.

Medikamente gehören immer mit auf den Tisch

Viele ältere Menschen nehmen mehrere Medikamente. Das ist bei verschiedenen Erkrankungen häufig notwendig und richtig. Trotzdem sollte bei einem Delir die gesamte Medikation überprüft werden.

Mit zunehmendem Alter verändert sich der Körper. Vielleicht arbeitet die Niere nicht mehr so leistungsfähig, vielleicht trinkt der Mensch zu wenig oder ist akut erkrankt. Dann kann sich auch die Wirkung eines Medikamentes verändern. Ein Präparat, das vorher jahrelang gut vertragen wurde, kann unter neuen körperlichen Bedingungen plötzlich anders wirken.

Deshalb halte ich eine aktuelle und vollständige Medikamentenliste bei einem Krankenhausaufenthalt für sehr wichtig. Dazu gehören auch Medikamente, die nur bei Bedarf genommen werden, Schlaf oder Beruhigungsmittel und frei verkäufliche Präparate.

Bitte setzen Sie wegen eines Verdachts niemals eigenmächtig Medikamente ab. Sie können den behandelnden Arzt aber ruhig fragen, ob überprüft wurde, ob ein Medikament die Verwirrtheit ausgelöst oder verstärkt haben könnte.

Warum so wenig Trinken bei alten Menschen so viel ausmachen kann

Flüssigkeitsmangel wird im Alter leicht unterschätzt. Das Durstgefühl kann schwächer werden, und manche ältere Menschen trinken sogar bewusst weniger, weil ihnen der Gang zur Toilette schwerfällt oder sie Angst vor Inkontinenz haben.

Kommt dann ein Infekt mit Fieber hinzu, Durchfall, Erbrechen oder einfach mehrere Tage, an denen kaum etwas getrunken wurde, kann der Körper erheblich belastet werden.

Wenn Ihnen auffällt, dass Ihre Mutter in den Tagen vor der Verwirrtheit fast nichts getrunken hat, sagen Sie das. Ein trockener Mund, sehr dunkler Urin, deutlich weniger Wasserlassen und zunehmende Schwäche können Hinweise sein, beweisen allein aber noch keinen Flüssigkeitsmangel.

Für mich ist auch das ein gutes Beispiel dafür, warum Angehörige so wichtig sein können. Sie sehen Dinge im Alltag, die in einer kurzen Untersuchung gar nicht sichtbar werden.

Wie wird ein Delir behandelt?

Es gibt nicht die eine Tablette gegen ein Delir. Die wichtigste Behandlung richtet sich gegen die Ursache.

Wenn Flüssigkeit fehlt, muss dieser Mangel ausgeglichen werden. Schmerzen gehören behandelt, eine behandlungsbedürftige Infektion braucht die passende Therapie, auffällige Stoffwechselwerte werden korrigiert und Medikamente überprüft. Auch andere körperliche Belastungen müssen erkannt und behandelt werden.

Daneben braucht ein Gehirn, das seine Umgebung gerade nur schwer einordnen kann, möglichst viel Orientierung und möglichst wenig zusätzliche Verwirrung. Genau deshalb spielen scheinbar einfache Dinge eine große Rolle: Brille und Hörgerät, Tageslicht, ein erkennbarer Tagesablauf, eine gut sichtbare Uhr, ausreichend Essen und Trinken, Bewegung im Rahmen der Möglichkeiten, eine gute Schmerzbehandlung und möglichst guter Schlaf. Solche miteinander kombinierten Maßnahmen gehören zu den zentralen Empfehlungen der aktuellen Leitlinie.

Gerade Brille und Hörgerät werden leicht unterschätzt. Wenn Ihre Mutter Sie ohnehin nicht richtig einordnen kann und zusätzlich Ihr Gesicht nur verschwommen erkennt, wird ihre Welt noch unsicherer. Wenn Ihr Vater schlecht hört und von einem Gespräch nur einzelne Wörter versteht, muss sein ohnehin belastetes Gehirn die fehlenden Informationen irgendwie ergänzen.

Etwas so Alltägliches wie eine Brille kann deshalb plötzlich ein wichtiger Teil der Orientierung sein.

Was können Sie als Angehöriger tun?

Viele Angehörige möchten in einer solchen Situation unbedingt helfen und haben gleichzeitig Angst, etwas falsch zu machen. Bitte laden Sie sich nicht die Verantwortung auf, ein Delir selbst „wegmachen“ zu müssen. Das können Sie nicht und das ist auch nicht Ihre Aufgabe.

Sie können Ihrem Angehörigen aber helfen, sich etwas sicherer zu fühlen.

Wenn Ihre Mutter Sie nicht erkennt, versuchen Sie möglichst nicht, ihr Wissen zu prüfen. Die Frage „Mama, weißt du wirklich nicht, wer ich bin?“ ist menschlich verständlich, denn dahinter steckt häufig die eigene Angst. Man möchte unbedingt dieses eine Zeichen bekommen, dass die vertraute Mutter noch da ist.

Für sie kann die Frage aber zu einer weiteren Aufgabe werden, an der sie gerade scheitert.

Sagen Sie lieber ruhig: „Mama, ich bin deine Tochter. Ich bin jetzt bei dir.“

Wenn sie nicht weiß, wo sie ist, erklären Sie es kurz. Wenn sie eine halbe Stunde später wieder fragt, erklären Sie es noch einmal. Sie ignoriert Ihre Antwort nicht absichtlich. Möglicherweise konnte ihr Gehirn diese Information einfach nicht festhalten.

Auch bei Wahrnehmungen, die Sie nicht teilen, hilft Streit meistens wenig. Wenn Ihr Vater überzeugt ist, dass jemand im Zimmer steht, obwohl Sie niemanden sehen, müssen Sie diese Wahrnehmung nicht bestätigen. Sie können trotzdem wahrnehmen, dass er Angst hat. Für ihn kann das, was er sieht oder glaubt, vollkommen real sein.

Je weniger wir einen verängstigten Menschen dazu zwingen, unsere Wirklichkeit zu beweisen, desto eher können wir ihm Sicherheit geben.

Wie lange dauert ein Delir?

Darauf hätten Angehörige verständlicherweise gern eine genaue Antwort. Die gibt es leider nicht.

Ein Delir kann sich innerhalb einiger Tage deutlich bessern, bei anderen Menschen dauert die Erholung länger. Alter, körperliche Gebrechlichkeit, die auslösende Erkrankung und eine möglicherweise bereits bestehende kognitive Einschränkung spielen dabei eine Rolle. Eine vollständige Erholung ist möglich, ein Delir kann aber auch längerfristige körperliche oder geistige Folgen haben.

Besonders schwer ist für Familien häufig, dass die Besserung nicht geradlinig verläuft. Vielleicht spricht Ihre Mutter vormittags plötzlich wieder fast so wie früher. Sie fahren erleichtert nach Hause und glauben, nun sei die schlimmste Zeit vorbei. Am Abend ist sie wieder sehr verwirrt.

Das kann sich wie ein Rückfall anfühlen, obwohl solche Schwankungen zum Delir gehören können.

Deshalb würde ich nicht jede einzelne Stunde zum Maßstab dafür machen, ob sich der Mensch erholt. Wichtiger ist die Entwicklung über einen längeren Zeitraum.

Wird mein Angehöriger wieder wie vorher?

Diese Frage ist wahrscheinlich die schwerste, weil sie nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Manche Menschen erholen sich vollständig. Bei anderen bleiben körperliche oder geistige Einschränkungen zurück. Besonders bei sehr alten, gebrechlichen Menschen und bei einer bereits bestehenden Demenz kann die Erholung schwieriger sein. Nach einem Delir besteht außerdem ein erhöhtes Risiko für weiteren Hilfebedarf und erneute gesundheitliche Probleme.

Ich würde deshalb weder vorschnell Hoffnung nehmen noch etwas versprechen, was niemand versprechen kann.

Wenn Ihre Mutter heute kaum weiß, wo sie ist, bedeutet das nicht automatisch, dass sie dauerhaft so bleiben wird. Umgekehrt kann niemand seriös versprechen, dass nach drei Tagen alles wieder genau so ist wie vorher.

Ein Mensch braucht nach einem Delir manchmal mehr Zeit, als die Familie erwartet.

Kann man ältere Menschen vor einem Delir schützen?

Nicht jedes Delir lässt sich verhindern, aber das Risiko kann durchaus beeinflusst werden.

Besonders aufmerksam sollte man bei Menschen sein, die bereits eine Demenz haben, sehr gebrechlich sind, schon einmal ein Delir erlebt haben oder vor einer größeren Operation stehen. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, das individuelle Delirrisiko zu berücksichtigen und vorbeugende Maßnahmen einzusetzen.

Für Angehörige bedeutet das ganz praktisch, bei einem geplanten Krankenhausaufenthalt wichtige Informationen von Anfang an weiterzugeben. Hat Ihre Mutter nach einer früheren Operation schon einmal stark verwirrt reagiert, sagen Sie es. Nehmen Sie ihre Medikamentenliste mit. Denken Sie an Brille und Hörgerät. Fragen Sie, ob ein erhöhtes Delirrisiko besteht und was vorbeugend getan wird.

Ausreichendes Trinken und Essen, gute Schmerzbehandlung, Bewegung, Orientierung, ein möglichst normaler Schlaf und vertraute Kontakte gehören ebenfalls zu den Maßnahmen, mit denen das Risiko gesenkt werden kann. Die Patientenleitlinie betont, dass Delirien durch ein Bündel solcher Maßnahmen teilweise verhindert werden können.

Das bedeutet aber nicht, dass eine Familie schuld ist, wenn ein Delir trotzdem entsteht. Vorbeugung kann Risiken reduzieren, sie kann nicht jedes Delir verhindern.

Was geschieht nach dem Krankenhaus?

Eine Entlassung ist für Familien meistens eine große Erleichterung. Trotzdem bedeutet der Satz „Ihre Mutter kann nach Hause“ nicht automatisch, dass sie bereits wieder genauso selbstständig ist wie vor dem Krankenhausaufenthalt.

Vielleicht läuft sie unsicherer, benötigt beim Toilettengang Hilfe, vergisst noch zu trinken oder kann ihre Medikamente im Moment nicht zuverlässig selbst einnehmen. Vielleicht ist sie nachts weiterhin unruhig.

Darum sollte man vor einer Entlassung nicht nur fragen, wann der Mensch nach Hause darf, sondern auch, wie er dort tatsächlich zurechtkommen soll. Kann er sicher aufstehen? Kann er allein zur Toilette? Isst und trinkt er zuverlässig? Kann er seine Medikamente richtig einnehmen? Braucht er nachts jemanden? Reicht die bisherige Hilfe zu Hause noch aus?

Solche Fragen sind keine Nebensache. Sie entscheiden darüber, ob ein älterer Mensch nach der Entlassung wirklich sicher versorgt werden kann.

Was ein Delir mit Angehörigen macht

Über Tests, Blutwerte und Behandlung kann man viel erklären. Trotzdem darf man nicht vergessen, was diese Situation mit einer Familie macht.

Wenn mir eine Tochter erzählt, dass ihre Mutter sie plötzlich gefragt hat: „Wer sind Sie?“, dann kann ich ihr erklären, dass so etwas bei einem Delir vorkommen kann. Aber damit ist ihr Schmerz nicht verschwunden.

Es ist ihre Mutter.

Vielleicht der Mensch, der sie seit dem ersten Tag ihres Lebens kennt, der an ihrer Stimme merkt, wenn etwas nicht stimmt, und der jetzt plötzlich in ihr Gesicht schaut, als sähe er eine Fremde.

Natürlich tut das weh.

Deshalb halte ich wenig von dem Satz: „Nehmen Sie das nicht persönlich.“ Ein Mensch kann sehr wohl verstehen, dass die Verwirrtheit krankheitsbedingt ist, und trotzdem traurig darüber sein. Er kann wissen, dass der Vater nicht absichtlich aggressiv reagiert, und trotzdem erschrocken sein. Er kann Hoffnung haben und gleichzeitig nachts wachliegen, weil er Angst davor hat, wie es weitergeht.

Das ist kein Widerspruch.

Der Erkrankte braucht Verständnis, weil seine Welt gerade aus den Fugen geraten ist. Der Angehörige braucht ebenfalls Verständnis, weil er danebensteht und einen Menschen zeitweise kaum wiedererkennt, den er seit Jahrzehnten kennt.

Für mich gehören beide Seiten zusammen.

Was ich Angehörigen für das Gespräch mit dem Arzt mitgeben möchte

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Angehöriger plötzlich völlig verändert ist, beginnen Sie nicht mit medizinischen Fachbegriffen. Sagen Sie zuerst genau das, was Sie wissen: „Meine Mutter ist seit gestern völlig anders. So kenne ich sie nicht.“

Erzählen Sie, was in den Tagen davor passiert ist, und fragen Sie, ob ein Delir in Betracht gezogen wurde. Lassen Sie sich erklären, ob ein Screening gemacht wurde und was dabei aufgefallen ist. Fragen Sie nach der vermuteten Ursache, nach auffälligen Untersuchungen, nach der Medikamentenüberprüfung und danach, was jetzt konkret behandelt wird.

Wenn Sie einen Begriff nicht verstehen, lassen Sie ihn sich erklären.

Sie müssen nicht wissen, was ein Elektrolyt ist, bevor jemand es Ihnen erklärt. Sie müssen keinen 4AT kennen und keine Laborwerte auswendig lernen.

Sie dürfen aber verstehen wollen, was mit Ihrem Menschen geschieht.

Was ich Ihnen am Ende besonders ans Herz legen möchte

Wenn sich Ihre Mutter, Ihr Vater oder Ihr Lebensgefährte innerhalb weniger Stunden oder Tage plötzlich stark verändert, nehmen Sie diese Veränderung ernst und lassen Sie sie medizinisch abklären. Fragen Sie nicht nur danach, was mit dem Menschen passiert ist, sondern auch danach, warum.

Erzählen Sie, was Sie beobachtet haben. Sie kennen die Stimme Ihres Vaters, die Gewohnheiten Ihrer Mutter und den Blick Ihres Partners sehr viel länger als die Menschen, die ihn gerade medizinisch betreuen.

Und versuchen Sie bei aller Angst, den Menschen hinter der Veränderung nicht zu verlieren.

Ihre Mutter ist nicht plötzlich „das Delir“. Ihr Vater ist nicht nur noch „der verwirrte Patient“. Da ist derselbe Mensch, den Sie vorher kannten. Nur gelingt es seinem Gehirn im Augenblick möglicherweise nicht, seine Umgebung, seine Erinnerungen und seine Gefühle so zu ordnen wie sonst.

Das kann erschreckend sein. Es kann Tage geben, an denen Sie Ihren vertrauten Menschen kaum wiederfinden, und dann plötzlich einen Moment, in dem der alte Blick wieder da ist.

Vielleicht ist gerade das das Schwerste am Delir – und gleichzeitig das, woran man sich festhalten kann: Ein Mensch kann für eine Zeit sehr weit entfernt wirken, ohne deshalb verloren zu sein.

Bleiben Sie, soweit Ihre eigene Kraft reicht, ein vertrauter Mensch in seiner vorübergehend fremd gewordenen Welt. Und achten Sie dabei auch auf sich selbst. Angehörige müssen nicht alles tragen, nur weil sie lieben.

Ihre
Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung